Zurück 07 Sep 2022 · 8 min lesezeit
von Hanna Eggebrecht

Geduld Definition: Geduld ist eine Fähigkeit, mit der man spontane Impulse kontrollieren und zum Beispiel Belohnungen aufschieben kann. Geduldig sein bedeutet soviel wie eine (ab-) wartende Haltung einnehmen zu können.
Ungeduld, innere Unruhe oder Nervosität und Anspannung können auch Anzeichen einer Angststörung sein. Mach hier den Test und finde heraus, ob du Anzeichen für eine Angststörung zeigst.

Was ist Geduld?

Geduld kommt in seiner Wortherkunft aus dem Altgermanischen und bedeutet so viel wie “ertragen” oder “tragen”. Auch das englische oder lateinische Wort für Geduld (patience, patientia) hat eine ähnliche Bedeutung: erdulden. Wer geduldig sein kann, ist laut dieser Wortbedeutung eher defensiv, fast passiv und lässt etwas über sich ergehen. Doch was lässt man (mit Geduld) über sich ergehen und wie genau entsteht Geduld? Ist Geduld trainierbar?

Geduldig sein können: 8 Tipps

Geduld kann man als einen Mix aus Willen, Ausdauer, Durchsetzungsvermögen und Selbstkontrolle verstehen. Auch Frustrationstoleranz, also die eigene Fähigkeit, tolerant und ausdauernd gegenüber frustrierenden bzw. unangenehmen Dingen zu sein, beinhaltet Geduld.

Geduld ist eine Tugend, aber man kann lernen, geduldiger zu werden. Das erfordert ein gewisses Maß an Disziplin und Selbstkontrolle. Beide Komponenten werden stärker, je geduldiger man ist. Mit den folgenden Tipps und Geduldsübungen kannst du lernen, deine Geduld zu verbessern und auch im Alltag mehr Geduld haben zu können.

  1. Perspektivwechsel vornehmen: Ist man in einer frustrierenden Situation im Alltag, zum Beispiel wenn die Bahn ausfällt oder mal wieder zu spät kommt, keimen schnell unangenehme Gefühle, Ungeduld und Groll in einem auf. Um in einer solchen Situation Geduld haben bzw. mit Gelassenheit reagieren zu können, kann es helfen, den eigenen Blick auf die Situation durch Selbstreflexion zu verändern. Wenn du wütend bist und zum Beispiel ungeduldig nach dem Handy greifst, widersteh dem Impuls und mach zum Beispiel genau das Gegenteil. Steck das Handy zurück in die Tasche, schau in die Wolken und deute die Situation um, indem du dir zum Beispiel sagst “Ach wie schön, dass ich jetzt noch ein paar Minuten länger ohne Hast kurz hier warten kann.” Denn sei ehrlich zu dir selbst: Die Bahn wird nicht weniger zu spät sein, wenn du ungeduldig auf dein Handy siehst. 
  2. Abwarten und Ablenken: Wenn dir ein Perspektivwechsel schwer fällt und du dennoch in einer stressigen oder frustrierenden Situation bist, kann dir vielleicht auch ein Ablenkungsmanöver helfen. Indem man seine Gedanken und Aufmerksamkeit auf etwas anderes als den Grund seiner Ungeduld richtet, verfängt man sich nicht in Selbsturteilen und Druck.
  3. Multitasking macht ungeduldig: Neben der Arbeit noch schnell eine Mail an den Vermieter oder den nächsten Urlaub reservieren– übe dich in Geduld, indem du bewusst solchen kleinen Impulsen widerstehst und dich ganz auf das konzentrierst, was du im Moment wirklich zu tun hast. Hier kannst du mehr über Entspannungsübungen für den Alltag nachlesen. Mit der Zeit wirst du geduldiger werden.
  4. Geduld durch innere Achtsamkeit: Sowie du bei der Arbeit bei den Arbeitsthemen bleiben solltest, kannst du, um geduldiger zu werden, diese Situation auch auf den Alltag übertragen. Bevor du etwas tust, höre kurz zwei Minuten in dich hinein und frage dich, wie es dir gerade geht, was dir durch den Kopf geht und worauf du in diesem Moment wirklich Lust hast. Ein Beispiel: Geduldig auf die nächste richtige Mahlzeit zu warten, statt sich mit Zwischensnacks und Süßigkeiten über den Tag zu manövrieren, kann deine Fähigkeit zur Geduld steigern. 
  5. Zuhören ohne Wertung: Um Geduld in einer Paarbeziehung oder mit Freund*innen und Familie zu üben, kannst du versuchen, einmal am Tag in Gesprächen nur dem zuzuhören, was der*die andere sagt, ohne es für dich zu bewerten. Kommentare, Fragen oder andere Unterbrechungen stehen hinten an: es geht nur darum, mit Geduld Interesse zu zeigen. 
  6. Kommunikation mit dir selbst: Das Denken bestimmt das Handeln. Das trifft besonders auf die Geduld zu. Wer oft Gedanken mit “Ich muss” oder “Ich sollte” beginnt, ist wahrscheinlich ungeduldiger und kann sich darin üben, diese Sätze umzuformulieren. Stattdessen könnte man mit “Ich möchte gern” oder “Darauf habe ich keine Lust, das ist ok” beginnen.
  7. Einstellungen verändern: Frei nach dem Motto “Gut Ding will Weile haben” kannst du dir ein eigenes Mantra zurechtlegen, dass du dir aufsagst, wenn du ungeduldig wirst aber eine Situation nicht ändern kannst. Je besser du eine solche Situation akzeptieren bzw. annehmen kannst und nicht gegen Widerstände kämpfst, umso geduldiger wirst du werden. Hier erfährst du mehr darüber, wie du deine Stimmung verbessern kannst.
  8. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen: Indem man sich kleine Fortschritte bewusst macht und sich selbst für kleine Erfolge lobt, schafft man Ungeduld aus dem Raum. Wenn du zum Beispiel auf einen Arzttermin wartest, könntest du dir, statt nur in Schwarz-Weiß zu denken “Ich komme eh immer als letzte*r dran”, jede vor dir aufgerufene Person als einen Schritt näher zum Ziel vorstellen. Mit jeder*m, der*die vor dir dran war, rückt auch dein Termin ein Stück näher.

Geduld vs. Ungeduld

Geduld ist eine Tugend- so ziemlich jede*r kennt dieses Sprichwort. Daraus lässt sich ablesen, dass Geduld eine "gute" bzw. in westlichen Kulturkreisen angesehene Eigenschaft ist. Das Gegenteil von Geduld ist Ungeduld. Doch weshalb wird Ungeduld so negativ bewertet? Was zeichnet Ungeduld aus?

  • Ungeduldig zu sein könnte man mit kindlichem (unreifem) Verhalten assoziieren: Kinder sind meistens noch nicht so gut darin, Belohnungen aufzuschieben und sich dementsprechend zu gedulden. Besonders leicht sichtbar ist dieses Verhalten bei den Süßwaren der Supermarktkasse.
  • Ungeduld, impulsives Verhalten und motorische oder innere Unruhe könnten demnach auf ein geringes Maß an Selbstkontrolle hinweisen.
  • Je ausgeschlafener man ist, desto leichter fällt es, geduldig zu sein. Das belegte ein Forschungsteam aus Washington vom Walter Reed Institut. 
  • Wer im Kindesalter ungeduldig ist, wird es höchstwahrscheinlich auch als Erwachsener eher schwer haben, sich in Geduld zu üben. Das stellte bereits Walter Mischel in seiner Marshmallow Studie fest. 
  • Je ungeduldiger desto älter: Geduld hat scheinbar einen nachweisbaren Effekt auf die Alterung der Zellen. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer. Je ungeduldiger man ist und je öfter man sich aufregt, umso eher altern die Zellen. 
  • Schlauer mit Geduld: Je geduldiger man ist, desto höher der später erreichte Bildungsabschluss. Das untersuchten zahlreiche Forscher*innen an verschiedenen Stellen. Allerdings spielen hier auch Faktoren wie das Einkommen der Eltern, der Bildungsabschluss der Eltern oder das soziale Umfeld eine wichtige Rolle. 

Warum ist Geduld wichtig?

  • Um langfristige Ziele erreichen zu können, auch wenn einem Steine im Weg liegen. (Zum Beispiel ein Studium oder eine Ausbildung über 3 Jahre hinweg zu absolvieren und abzuschließen.)
  • Um gelassener im Alltag zu sein, sich selbst nicht unter Druck zu setzen und realistische Einschätzungen treffen zu können. Mehr zum Thema Gelassenheit und Lebensfreude findest du hier.
  • Um weniger Konflikte in Paarbeziehungen, der Familie oder mit den Freund*innen und Kolleg*innen zu haben.
  • Um konstruktive Lösungen für Probleme zu finden und sich nicht mit “Nebensächlichkeiten” oder Verirrungen aufzuhalten.

Geduld ist eine wichtige Fähigkeit, die jeder Person guttut. Fehlende Geduld kann zum Beispiel 

Aber auch die Symptome einer Angststörung können wie mangelnde Geduld aussehen. Mehr darüber erfährst du hier. Bei ungeduldigen Kindern, vor allem bei Jungen, denkt man auch häufig an das Krankheitsbild ADHS (Aufmerksamkeits- Defizit -Hyperaktivitäts- Syndrom).

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Geduld in der Psychologie: die Marshmallow- Studie

Der Psychologe Walter Mischel ist vor über 60 Jahren durch sein Marshmallow- Experiment berühmt geworden. In diesem Experiment wollte Mischel die Willenskraft bzw. Willensstärke untersuchen und zunächst nicht primär die Geduld. Jedoch entpuppten sich seine Erkenntnisse als wegweisend für die Forschung rund um das Konstrukt der Geduld.

  • Der Marshmallow Test

Im Experiment wurden Kinder verschiedener Altersgruppen in einem neutralen Raum an einen Tisch gesetzt und bekamen eine große Schüssel pinker Marshmallows hingestellt. Den Kindern wurde erklärt, dass sie in den nächsten zwei Minuten allein im Raum sein würden und die Marshmallows essen dürften. Wenn sie es jedoch schafften, keinen Marshmallow anzurühren, würden sie nach zwei Minuten eine zweite Schüssel bekommen. Die Forscher*innen beobachteten die Kinder in der Zeit durch einen Spiegel und erlebten lustige Szenen: Einige Kinder schafften es, sich zwei Minuten abzulenken und erhielten freudig die “Belohnung”. Andere Kinder wiederum aßen die Marshmallows sofort. Wieder andere Kinder knabberten die Marshmallows von unten an und legten sie wieder zurück.

  • Ergebnisse des Marshmallow Tests

Auch wenn Geduld der Kern der Erkenntnisse des Marshmallow-Tests ist, fand Mischel einige spannende Dinge heraus. Selbstkontrolle und Disziplin sind demnach Kernkompetenzen, wenn es um das Erreichen langfristiger Ziele geht. Geduld ist eine sehr wichtige Voraussetzung dafür.

  • 13 Jahre später: Was wurde aus den Marshmallow Kindern?

Mischel befragte die Kinder aus dem Experiment 13 Jahre danach erneut zu ihrer Lebenslage und ihren Gewohnheiten. Dabei stellte sich heraus, dass die Kinder, die damals die Geduld aufbrachten zwei Minuten lang zu warten, in der Schule oder ihrer Ausbildung erfolgreicher waren. Außerdem hatten sie eine höhere soziale Kompetenz, konnten mit Rückschlägen leichter umgehen und waren seltener drogenabhängig als die Kinder, die die Marshmallows damals sofort aufgegessen hatten. 

  • Marshmallows auf dem Prüfstand: Neue Studie erschienen

Im Jahr 2018 wiederholte ein Forschungsteam das Experiment von Mischel und konnte die Ergebnisse nicht replizieren, also nicht erneut genauso vermerken und ähnliche Effekte feststellen. Wie die Kinder beim Marshmallow-Test abschneiden, sagt laut der neuen Studie sehr wenig darüber aus, wie sie sich im späteren Leben machen werden. In der neuen Studie wurden neben dem Marshmallow Test auch kognitive Fähigkeiten und Intelligenz erfasst. Diese beiden Faktoren haben zusammen eine viel stärkere Vorhersagekraft als die Geduld beim Marshmallow-Essen.

Mehr Geduld (Literatur)

Die folgenden zwei Bücher sind sehr empfehlenswert, wenn man mehr zum Thema Geduld erfahren möchte. 

  1. Rich Karlgaard: “Late Bloomers. The Power of Patience in a World Obsessed with Early Achievement”
  2. Matthias Sutter: “Die Entdeckung der Geduld. Ausdauer schlägt Talent.”

Wenn du mehr über psychische Erkrankungen erfahren möchtest, empfehlen wir dir unser Magazin oder diese Bücherauswahl.

Ein Artikel von

Hanna Eggebrecht Redakteurin · B. Sc. Psychologie

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Quellenangaben

  1. Helbig, W., & Pommrich, H. (1972). Geduld. In Ansporn-Brevier (pp. 53-54). Gabler Verlag, Wiesbaden.
  2. https://de.in-mind.org/search?keys=geduld&x=0&y=0+
  3. https://greator.com/geduld/
  4. https://karrierebibel.de/geduld/
  5. https://lexikon.stangl.eu/3697/marshmallow-test
  6. https://www.lernen.net/artikel/geduld-ueben-tipps-und-uebungen-gelassenheit-791/
  7. https://www.psychologie-heute.de/beruf/artikel-detailansicht/40787-impulsiv-und-planlos.html
  8. https://www.psychologie-heute.de/familie/artikel-detailansicht/39093-familie-fuer-geduldige.html
  9. https://www.psychologie-heute.de/familie/artikel-detailansicht/39427-verzicht-lohnt-sich-nicht-immer.html 
  10. https://www.psychologie-heute.de/leben/artikel-detailansicht/38994-ich-lass-mir-zeit.html
  11. https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article125368166/Alles-kommt-zu-dem-von-selbst-der-warten-kann.html
  12. https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2022-08/geduld-psychologie-dominik-guess-interview
  13. Johanna Müller-Ebert: Wie Neues gelingt. Die vier Schritte zur Veränderungskompetenz. Kösel, München 2014
  14. Stephanie M. Carlson, Yuichi Shodan, Ozlem Ayduk, Lawrence Aber, Catherine Schaefer, Anita Sethi, Nicole Wilson, Philip K. Peake, Walter Mischel: Cohort effects in children’s delay of gratification. Developmental Psychology, 2018, Online First Posting, DOI: 10.1037/dev0000533
  15. Tyler W. Watts, Greg J. Duncan, Haonan Quan: Revisiting the Marshmallow Test: A Conceptual Replication Investigating Links Between Early Delay of Gratification and Later Outcomes. Psychological Science. Article first published online: 25. Mai 2018. DOI: 10.1177/0956797618761661
  16. Walter Mischel: Der Marshmallow-Effekt. Wie Willensstärke unsere Persönlichkeit prägt. Pantheon, München 2016
  17. Yuichi Shoda, Walter Mischel, Philip Peake: Predicting adolescent cognitive and self-regulatory competencies from preschool delay of gratification: Identifying diagnostic conditions. Developmental Psychology, 26/6, 1990. DOI: 10.1037/0012-1649.26.6.978

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