Zurück 31 Mar 2022 · 8 min lesezeit
von Felicitas Eva Lindner

Unterschiedliche Bindungstypen sagen nicht nur etwas über unser Selbstbewusstsein und unsere Fähigkeit zu vertrauen aus, sie beeinflussen so auch umso mehr unsere sozialen Beziehungen. All das kann durch psychische Erkrankungen beeinträchtigt sein. Finde hier heraus, ob das Angebot der Online- Kurse von Selfapy zu dir passen könnte.

Bindungsforschung: Was ist das?

Die Disziplin der Bindungsforschung ist noch relativ jung und hat sich im 20. Jahrhundert entwickelt und wurde hauptsächlich von John Bowlby und Mary Ainsworth geprägt. Die Theorie geht davon aus, dass insbesondere das erste Lebensjahr eines Kindes sehr prägend für seine weitere Entwicklung ist. In diesem Jahr lernen Kinder zu vertrauen.

Vertrauen lernen sie dabei vor allem von ihnen primären Bezugspersonen. Das Vertrauen, dass sich in dieser Beziehung entwickelt, nennt man Urvertrauen. Die Disziplin der Bindungsforschung ist noch relativ jung und hat sich im 20. Jahrhundert entwickelt und wurde hauptsächlich von John Bowlby und Mary Ainsworth geprägt. Die Theorie geht davon aus, dass insbesondere das erste Lebensjahr eines Kindes sehr prägend für seine weitere Entwicklung ist. In diesem Jahr lernen Kinder zu vertrauen. Vertrauen lernen sie dabei vor allem von ihnen primären Bezugspersonen. Das Vertrauen, dass sich in dieser Beziehung entwickelt, nennt man Urvertrauen.

Was ist Urvertrauen?

Urvertrauen ist laut der Bindungsforschung besonders wichtig, um sich den Herausforderungen, den Aufs und Abs des Lebens stellen zu können und um Resilienz zu entwickeln.

Wichtig für eine stabile Persönlichkeitsentwicklung ist also eine liebevolle und sichere Beziehung und Bindung zu den Eltern bzw. den primären Bezugspersonen eines Kindes. Wie bauen Kinder Urvertrauen auf?

  1. Durch “bonding”, also das Aufbauen einer Bindung
  2. Geborgenheit
  3. Körperliche Nähe und kuscheln
  4. Zuverlässigkeit und Fürsorge
  5. Zuhören
  6. Verständnis zeigen
  7. liebevolle Atmosphäre schaffen
  8. wenn sie wissen, dass jemand stolz auf sie ist
  9. gemeinsame Rituale
  10. Wertschätzung und Respekt

Bindungstheorie

Am Beginn ihres Lebens haben Babys nur wenige Möglichkeiten sich auszudrücken, wenn es ihnen nicht gut geht. Sie können sich nicht verbal ausdrücken. Sie weinen. Nach der Bindungstheorie entwickeln Babys dann Urvertrauen und einen sicheren Bindungsstil, wenn Eltern auf ihre Kinder reagieren und versuchen, ihnen zu helfen und ihre Bedürfnisse zu befriedigen. In dem so frühkindlichen Stadium sind Kinder vollkommen auf ihre primären Bezugspersonen angewiesen und können ihre Bedürfnisse noch nicht selbst erfüllen.

Reagieren Bezugspersonen nun in solchen Fällen nicht, ist es Kindern kaum bis nicht möglich, Vertrauen in sich selbst und in ihre Umwelt aufzubauen. Nur wenn sie das tun, fühlen sie sich frei genug ihre Umwelt zu erkunden, Dinge auszuprobieren. Es geht dabei darum, dass Kinder mit einer sicheren Bindung gelernt haben, sich Dinge trauen zu können, dass sie Freiheiten haben, dabei aber jederzeit zu ihrer sicheren Basis, also ihren primären Bezugspersonen, zurückkommen können.

Die vier Bindungstypen

Die Psychologin Mary Ainsworth hat die Mutter-Kind-Beziehung in einem Experiment untersucht: Sie untersuchte dabei Mütter und ihre Kinder im Alter von 12-18 Monaten. Sie betraten gemeinsam einen Raum und während das Kind begann zu spielen hat die Mutter gelesen. Nach einer Weile kam eine weitere Frau dazu, die dann begann, sich mit dem Kind zu beschäftigen. Die Mutter des Kindes wurde aufgefordert, den Raum kurz zu verlassen, kam aber kurz darauf wieder zurück. Anschließend verließ die Mutter nochmal den Raum und in dieser Zeit begann die andere Frau mit dem Kind zu spielen und bei dem Kind blieb.

Die Reaktionen der Kinder auf diese Situation waren sehr unterschiedlich. Mary Ainsworth hat aus diesen Reaktionen vier Bindungstypen. Bowlby entwickelte daraus schließlich seine Bindungstheorie. Die 4 Bindungsstile beschreiben jeweils sichere und unsichere frühkindliche Bindungstypen. Kinder können diesem Experiment und der Bindungstheorie zufolge in einen der Bindungstypen eingeordnet werden. Im Folgenden werden die 4 Bindungstypen des Kindes kurz erklärt.

  • Bindungstyp A: Unsicher vermeidende Bindung

Die Kinder des Bindungstyps A haben ganz normal weitergespielt und das Verlassenwerden von der Mutter schien sie gar nicht zu tangieren. Man könnte nun davon ausgehen, diese Kinder seien besonders sicher gebunden oder selbstbewusst. Doch dem ist nicht so. Den Kindern ist es nicht möglich, ihre Gefühle offen zu zeigen, unter anderem deshalb, da ihr Selbstbild nicht positiv und vertrauensvoll ist. Ihre primären Bezugspersonen sind in den ersten Lebensmonaten nicht so auf ihre Bedürfnisse eingegangen, wie es für sie vielleicht wichtig gewesen wäre. So haben sie gelernt, dass es für sie besser ist, ihre Gefühle nicht offen zu zeigen.

  • Bindungstyp B: Sichere Bindung

Kinder mit einer sicheren Bindung hingegen trauen sich, ihre Gefühle zu zeigen. Werden sie alleine gelassen, weinen oder schreien sie und machen deutlich, dass sie unglücklich mit der Situation sind. Sobald die Mutter zurück kommt freuen sie sich und hören auf zu weinen. Sie sind dann fähig, das Gefühl hinter sich zu lassen und sich wieder ihrem Spiel zuzuwenden.

Kinder des sicheren Bindungstyps vertrauen sich und ihren engen Bezugspersonen. Sie wissen, dass sie sich auf sie verlassen können. Man erkennt Kinder dieses Bindungstyps daran, dass sie sich schnell wieder beruhigen lassen und im Anschluss auch kein Problem damit haben, sich wieder von der Mutter zu lösen.

  • Bindungstyp C: Unsicher-ambivalente Bindung

Kinder mit einem unsicher-ambivalenten Bindungsstil sind ängstlich, oft verunsichert und zudem sehr passiv. Sie versuchen die Trennung zu vermeiden. Kinder des Bindungsstils C brauchen auch nach der Rückkehr der Mutter oft Zeit, um sich wieder zu beruhigen und können schwer von der Mutter lassen.

Diese Kinder haben oft nicht gelernt, sich auf ihre primären Bezugspersonen verlassen zu können, da diese mal auf das Kind reagieren, mal nicht.

  • Bindungstyp D: Unsicher-desorganisierte Bindung

Kinder des Bindungstyps D reagieren sehr konfus, wenn die Mutter zurückkehrt. Sie sind sehr ambivalent in ihrem Verhalten, zum Teil verhalten sie sich sogar aggressiv ihrer Mutter gegenüber. Es kann sein, dass diese Kinder schon traumatisierende Erlebnisse wie zum Beispiel Missbrauchserfahrungen hatten und keine gute Bindung zu ihren pri

mären Bezugspersonen haben.

  • mangelnde Gefühlskontrolle
  • wenig Vertrauen in sich selbst und andere
  • Schwierigkeiten dabei, stabile Beziehungen aufzubauen
  • höhere Wahrscheinlichkeit an anderen psychischen Erkrankungen wir z.B. Depression oder einer Sucht zu erkranken

Natürlich treffen all diese Untersuchungen auf Väter und andere primäre Bezugspersonen ebenso zu wie auf Mütter, andere Experimente sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, das Geschlecht oder der Verwandtschaftsgrad der primären Bezugsperson spielen dabei keine Rolle.

Bindungstypen und Auswirkungen

Die unterschiedlichen frühkindlichen Bindungsstile haben auch unterschiedliche Auswirkungen auf die weitere Entwicklung und das Leben. Insbesondere Kinder, die zum unsicheren Bindungstyp gehören, haben eine höhere Tendenz dazu, später eine Bindungsstörung zu entwickeln, so zum Beispiel die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Betroffenen Kindern fällt es oft schwer einen angemessenen Umgang mit Stress zu finden. Zudem sind sie oft aggressiv und leiden unter starken Wutausbrüchen. Andere Auswirkungen unsicherer Bindungsstile können sein:

  • mangelnde Gefühlskontrolle
  • wenig Vertrauen in sich selbst und andere
  • Schwierigkeiten dabei, stabile Beziehungen aufzubauen
  • höhere Wahrscheinlichkeit an anderen psychischen Erkrankungen wir z.B. Depression oder einer Sucht zu erkranken

Auswirkungen haben aber natürlich alle Bindungsstile. Kinder die eher einen sicheren Bindungsstil haben, neigen dazu, später positivere Bindungserfahrungen zu haben und zeigen mehr Explorationsverhalten. Bindungstypen können sich außerdem im Laufe des Lebens auch verändern. Gemachte Erfahrungen können einen großen Einfluss darauf haben.

Bindungstypen bei Erwachsenen

Hazan und Shaver haben sich auf Grundlage der Bindungstheorie mit dem Bindungsverhalten von Erwachsenen in romantischen Beziehungen beschäftigt. Ihrer Forschung zufolge gibt es bei Erwachsenen nur drei statt vier Bindungstypen, die ebenfalls mit bestimmten Merkmalen in Zusammenhang stehen.

  • Sicherer Bindungsstil

Menschen mit einem sicheren Bindungsstil haben in der Regel keine Schwierigkeiten damit, Nähe zu anderen Personen aufzubauen und sind oftmals in längeren Beziehungen, die von ihnen als stabil und unterstützend wahrgenommen werden.

Diese Menschen haben ein gutes Bild von sich selbst und von anderen Personen und gehen grundsätzlich davon aus, dass sie gute Menschen sind und die Welt ihnen Gutes will. Durch diese Einstellung und Ausstrahlung werden ihnen auch oft positive Eigenschaften zugeschrieben. Sie haben ein angemessenes Maß an Selbstbewusstsein und Offenheit für neue Erfahrungen. Zudem gehen Menschen mit einem sicheren Bindungsstil davon aus, dass sie Geschehnisse durch ihr eigenes Verhalten beeinflussen können und sie nicht nur von externen Faktoren abhängig sind.

  • Vermeidender Bindungsstil

Personen mit einem vermeidenden Bindungsstil fällt es schwer, anderen Leuten zu vertrauen. Sie fühlen sich oft unwohl, wenn sie Nähe teilen und versuchen tiefere soziale Beziehungen eher zu vermeiden. Ihre Unabhängigkeit ist ihnen sehr wichtig.

Sie haben zwar ein positives Bild von sich selbst, nicht aber von anderen Menschen und ihrer Umwelt, sie sind allgemein eher misstrauisch. Ihr Selbstwert ist oft nicht so stark ausgeprägt und im Gegensatz zu sicher gebundenen Personen gehen sie eher davon aus, Ereignisse nicht so sehr beeinflussen zu können.

  • Ängstlicher Bindungsstil

Ängstlich gebundene Menschen gehen davon aus oder fürchten sich davor, von anderen nicht als liebenswert gesehen zu werden. Zurückweisung führt oft eher dazu, dass Personen dieses Bindungsstils noch mehr in die Beziehung investieren was dazu führt, dass sie oft als anhänglich wahrgenommen werden.

Ihr Selbstbild ist eher negativ, während hingegen ihr Bild von anderen und der Umwelt positiv ist. Oftmals neigen sie dazu, andere Menschen zu idealisieren. Auch bei ängstlich gebunden Personen ist der Selbstwert eher gering ausgeprägt und sie gehen davon aus, Ereignisse wenig durch ihr Verhalten beeinflussen zu können.

Die Klassifizierung in die Bindungsstile sicher, vermeidend und ängstlich kann dabei helfen, Schwierigkeiten zwischen Paaren zu lösen und mehr Verständnis füreinander zu zeigen. Durch das Wissen, welche Verhaltensweisen typisch für einen Bindungsstil sind und was dabei hilft, Schwierigkeiten zu überwinden, können sich Partner:innen so besser aufeinander einstellen und auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen. Die Bindungsstile im Erwachsenenalter werden durch die frühkindlichen Bindungsphasen beeinflusst, sind aber auch fluide, können sich also immer wieder verändern.

Aktuelle Forschungen gehen jedoch eher von einem zweidimensionalen Bindungsmodell bei Erwachsenen aus. Dabei sind Vermeidung und Ängstlichkeit zwei Pole einer Dimension, die mehr oder weniger stark ausgeprägt sein können. Der jeweilige Bindungsstil ergibt sich somit durch die unterschiedliche Ausprägung der Dimensionen. Die Bindungsstile sind aber die gleichen wie oben beschrieben. Zusätzlich entsteht ein weiterer Bindungstyp, der als stark ängstlich-vermeidend beschrieben wird.

Es ist wichtig zu verstehen, dass eine ernsthafte psychische Erkrankung einer Therapie und professioneller Hilfe bedarf. Die Online-Kurse von Selfapy kann ein erster Schritt in diese Richtung sein.

Ein Artikel von

Felicitas Eva Lindner Redakteurin · Journalismus (M.A.), Psychologie (B.Sc.)

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Quellenangaben

  1. Bohlken, J (2019). Kindliche Bindung. Online verfügbar unter https://www.profiling-institut.de/kindliche-bindung/ [31.03.22].
  2. erzieherin-ausbildung.de (o.J.). Bindung und Bindungstheorien nach Bowlby - Bindungstypen leicht erklärt. Online verfügbar unter https://www.erzieherin-ausbildung.de/praxis/u3-fachtexte-alltagshilfen/bindung-und-bindungstheorien-nach-bowlby-bindungstypen-leicht [31.03.22].
  3. Moses, Micky (2022). Urvertrauen: 10 Tipps, wie wir Eltern unsere Kinder stark machen können fürs Leben. Online verfügbar unter https://www.familie.de/baby/urvertrauen/ [31.03.22].
  4. Plück, Sara (2021). Bindungstypen: Was uns Eltern die Bindungstheorie lehrt. Online verfügbar unter https://www.familie.de/kleinkind/entwicklung-erziehung/bindungstypen-was-sagt-die-bindungstheorie/ [31.03.22].

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