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Affektive Störungen - wenn die Emotionen Achterbahn fahren

16 Mar 2022 · 6 min lesezeit
von Volker Budinger

Affektive Störungen beschreiben solche Störungen der psychischen Gesundheit, bei denen sich die Gefühle dauerhaft nur im Bereich der totalen Traurigkeit oder des absoluten Hochgefühls befinden. Depression und Manie bilden dabei die extremsten Ausprägungen. Lies hier mehr über Symptome Affektiver Störungen, ihre verschiedenen Krankheitsbilder und die Behandlung.

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt – der Volksmund beschreibt die beiden maximalen Ausprägungen sogenannter Affektiver Störungen (Affektstörungen). Affektivität als Begriff bedeutet dabei die „Gesamtheit des Gefühls- und Gemütslebens“. Störungen der Affektivität, des Gemüts (in der Vergangenheit sprach man entsprechend auch von Gemütskrankheiten), sind solche, bei denen die Gemütslage dauerhaft sehr traurig oder extrem gehoben ist. Expert:innen unterscheiden eine Reihe verschiedener solcher Affektiven Störungen, die zum Teil unterschiedliche Ursachen und Symptomatiken haben – und für die es verschiedene Formen der Behandlung gibt. Hier wollen wir dir zeigen, was genau eine Affektive Störung ausmacht, welche es gibt und wie sie zu behandeln sind.

Affektive Störung: Definition

Was sind Affektive Störungen? Damit sind all jene psychischen Erkrankungen gemeint, die mit einer starken, abnormalen Veränderung der Stimmungslage verbunden sind. Diese treten in Form einer gedrückten und traurigen oder einer stark gehobenen Stimmung auf. Unterschieden werden niedergeschlagene, depressive Episoden und äußerst euphorische, hyperaktive Stimmungslagen. Die Veränderung der Stimmung muss jedoch klinisch signifikant sein, um sie als Affektive Störung zu diagnostizieren. Demzufolge muss die Veränderung über einen bestimmten Zeitraum hinweg vorliegen, eine deutliche Einschränkung für den:die Betroffenen darstellen und bestimmte Kombinationen von Symptomen aufweisen.

Traurigkeit oder Trauer auf der einen sowie Freude und Hochgefühl auf der anderen Seite sind dabei für sich genommen natürlich keine psychischen Auffälligkeiten, sondern erst einmal normale Gefühlsreaktionen – etwa auf Verlust oder Niederlagen auf der einen, Gewinn oder Sieg auf der anderen Seite. Erst wenn diese Gefühle dauerhaft bestehen bleiben (oder sich wie bei der Bipolaren Störung von stets dem einen ins andere Extrem wechseln) und weitere Symptome mit sich bringen, spricht man von einer Affektiven Störung.

Man unterscheidet mehrere Arten von Affektiven Störungen, die sich unter diese Haupttypen unterordnen lassen:

  • Depressionen
  • Manien
  • Bipolare Störungen

Affektive Störungen können in verschiedenen Ausprägungen auftreten: Sie können akut, chronisch oder episodisch sein. Zwischen den depressiven, manischen oder bipolaren Phasen ist der Zustand der Erkrankten weitestgehend „normal“.

Die „Internationale Statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ der Weltgesundheitsorganisation WHO (ICD-10) definiert die sieben Codes F30, F31, F32, F33, F34, F38 und F39 unter Affektiven Störungen.

In der Regel handelt es sich bei diesen psychischen Erkrankungen um organisch affektive Störungen, also solche, die auf eine veränderte Funktion der Hirnchemie oder andere körperliche Ursachen zurückgehen.

In der folgenden Affektive-Störungen-Übersicht gehen wir genauer auf die einzelnen Affektiven Störungen, Symptome und mehr ein.

Manie (im ICD 10 „Manische Episode“, F30)

Eine Manie ist von einer anhaltenden gesteigerten Hochstimmung geprägt – die oft nicht der Situation angemessen ist.

Expert:innen unterscheiden zwischen 

  • Hypomanie (F30.0)
  • Manie ohne psychotische Symptome (F30.1)
  • Manie mit psychotischen Symptomen (F30.2)

Sowie „Sonstige manische Episoden (F30.3)“ und „Manische Episoden nicht näher bezeichnet (F30.4)“.

Reine (unipolare) Manien sind vergleichsweise selten. Sie sind in der Regel geprägt von anhaltender positiver Hochstimmung. Bei der Hypomanie ist es eine dauerhafte „leicht gehobene Stimmung“, bei den anderen Formen eine dauerhafte extreme Hochstimmung – im Krankheitsfall halten die Symptome mehr als eine Woche ununterbrochen an.

Charakteristisch sind weitere Symptome (die bei der Hypomanie weniger intensiv sind) wie etwa:

  • starke Euphorie
  • Übererregung
  • gesteigerte Libido
  • gesteigerte Geselligkeit
  • hohe Gesprächigkeit
  • vermindertes Schlafbedürfnis
  • Gereiztheit
  • Selbstüberschätzung
  • Verlust sozialer Hemmungen
  • rasende Gedanken
  • Sprunghaftigkeit
  • Gereiztheit
  • gesteigerter Antrieb und Aktivität

Dadurch kann der Alltag stark beeinträchtigt werden.

Kommen psychotische Symptome hinzu, können Größenwahn und Halluzinationen auftreten (Stimmen hören beispielsweise). Betroffene sind einer normaler Kommunikation oft nicht mehr zugänglich.

Bipolare Affektive Störung (F31)

Die Bipolare Störung ist von einer wechselnden Stimmungslage geprägt. Diese schwankt bei den Betroffenen etwa von Depression auf Manie und umgekehrt. Auch das Schwanken zwischen hypomanischen und manischen Episoden fassen Expert:innen unter eine Bipolare Affektive Störung. Insgesamt kommt es zu krankhaft übersteigerten Stimmungshebungen und -senkungen.

Menschen mit einer Bipolaren Störung leiden oft unter starken depressiven Phasen, welche von starker Euphorie und Gereiztheit abgelöst werden. Bei hochgradig manischen Phasen können auch Psychosen auftreten.

Depressionen (im ICD 10 „Depressive Episode“ F32)

Bei einer Depression leiden die Betroffenen unter einer starken Antriebslosigkeit, verminderten Aktivität sowie an einer gedrückten bis traurigen Stimmung. Oft gehen Konzentrationsstörungen, gehemmter Appetit sowie ein Gefühl von Leere und Traurigkeit mit der Depression einher.

Die Fähigkeit, sich zu freuen oder Dinge positiv zu sehen, ist in einer depressiven Episode meist stark eingeschränkt. Daraus entstehen bei den Betroffenen Schuldgefühle und das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit, was wiederum das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl stark beeinträchtigt.

Verschiedene körperliche Symptome können hinzukommen.

Die Erkrankung wird meist in eine leichte, mittelgradig oder schwere Episode eingeteilt, wobei die Differenzierung vom Schweregrad der auftretenden Symptome abhängig ist. Bei der vergleichsweise häufigen Affektstörung, die nur mit dem ausgeprägten Stimmungstief verbunden ist, spricht man auch von einer Unipolaren Depression – in Unterscheidung von Bipolaren Affektstörungen.

Die depressive Episode kann einmalig über einen längeren Zeitraum auftreten oder in einer chronischen Form immer wiederkehren. Dann spricht man von einer Rezidivierenden Depression.

Rezidivierende Depression (F 33)

Treten mehrere depressive Episoden etwa im Abstand einiger Monate auf, spricht man von einer Rezidivierenden, also wiederkehrenden Depression. Das ist die chronische Form der Depression, die dabei praktisch nie von manischen, aber zumindest von etwas besseren Phasen abgelöst wird.

Unter die Rezidivierenden Depressionen fassen Expert:innen auch wiederkehrende leichte Formen der Depression, wie etwa die „Saisonal Affektive Störung“ oder „Seasonal Affective Disorder (SAD)“. Unter diese jahreszeitlich bedingte Form der in der Regel leichten Stimmungssenkung fällt beispielsweise auch die sogenannte Winterdepression.

Anhaltende Affektive Störung (F34)

Das ICD-10 kennt neben der Definition der Manie, Bipolaren Affektiven Störung und der Depression noch die „Anhaltende Affektive Störung“. Darunter fallen im Wesentlichen die „Zyklothymie (F34.0)“ und die „Dysthymie (F34.1)“.

Die Zyklothymie beschreibt eine andauernde Stimmungsinstabilität, bei der sich leichte Depressionen und Hypomanie abwechseln können. Allerdings erreichen die einzelnen Episoden nie eine schwere oder langanhaltende Ausprägung, sodass sie nicht als bipolare affektive Störung aufgefasst werden.

Hält eine leichte Depression länger als zwei Jahre an, so wird diese Störung als Dysthymie bezeichnet.

In vielen Fällen Affektiver Störungen treten allerdings Symptome auf, die nicht intensiv oder lang anhaltend genug sind, um eine der Definitionen Manie, Bipolare Affektive Störung, Depression, Rezidivierende Depression oder Anhaltende Affektive Störung zu erfüllen. Dies sind dann „andere Affektive Störungen F38“.

Sind die Symptome darüber hinaus auch noch zu unspezifisch, um von einer der oben genannten Störungen auszugehen, bilden diese noch eine eigene Klassifikation – die, der sogenannten „nicht näher bezeichneten Affektiven Störungen F39“.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Je nach Schweregrad, Ausprägung und Art der Störung erfolgt die Therapie einer Affektiven Störung entweder ambulant oder stationär. Alle Arten der Störung gelten in der Regel als gut therapierbar.

Für eine erfolgreiche Therapie spielt das Ergründen möglicher Ursachen eine wichtige Rolle: Stress, belastende Kindheitserlebnisse sowie eine genetische Vorbelastung oder aber eine unerwünschte Medikamentenwirkung sind unter Umständen Grund für die Erkrankung.

Die ambulante Psychotherapie in Kombination mit Medikamenten hat sich bei der Therapie von Affektiven Störung als sehr hilfreich erwiesen. Bei einer leichten bis mittelschweren Depression lassen sich die Symptome oft bereits ohne Medikamente reduzieren. Befinden sich Betroffene in einer schweren Depression oder hochgradig manischen Episode, so kann ein stationärer Aufenthalt sehr entlastend sein.

Durch die räumliche Trennung vom normalen sozialen Umfeld können sich Betroffene ganz auf die Therapie konzentrieren. Die Kognitive Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie haben sich von den psychotherapeutischen Therapiemaßnahmen als sehr effektiv erwiesen.

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Ein Artikel von

Volker Budinger Medizinredakteur

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Quellenangaben

  1. Laux G. (2005): Affektive Störungen. In: Schölmerich J. et al. (eds): Medizinische Therapie, S. 1332-1341, Springer
  2. Lieb, K. (2016): Affektive Störungen, In: Lieb, K., Frauenknecht, S. (eds): Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie, 8. Aufl., S. 197-230, Elsevier
  3. Hautzinger, M.  Meyer, T. (2007). Psychotherapie bei bipolaren affektiven Störungen. https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-007-2306-0
  4. De Jong-Meyer, R., Hautzinger, M., Kühner, C., Schramm, E. (2007). Evidenzbasierte Leitlinie zur Psychotherapie - Affektive Störungen. Hogrefe.

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