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Die Psyche und Geschlechterrollen

04 Oct 2021 · 3 min lesezeit
von Felicitas Eva Lindner

Psychische Erkrankungen können jede*n betreffen, Männer genauso wie FLINTA. Rund ein Viertel der deutschen Bevölkerung leidet unter einer psychischen Beeinträchtigung. Oftmals werden bestimmte psychische Erkrankungen eher einem Geschlecht zugeschrieben. Ist es tatsächlich so, dass es Krankheiten gibt, die bei unterschiedlichen Geschlechtern unterschiedlich häufig vorkommen?

Balkendiagramm zu psychischen Erkrankungen nach Indikation in Deutschland 2020

Die häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland

Angststörungen und affektive Störungen wie die Depression sind die psychischen Erkrankungen, die in Deutschland am häufigsten vorkommen. Auch Suchterkrankungen wie Alkohol- oder Drogenmissbrauch kommen häufig vor. Man unterscheidet hier zwischen Erkrankungen mit internalisierenden Symptomen versus Erkrankungen mit externalisierenden Symptomen. Externalisierende Symptome sind solche, die sich eher nach außen richten. Das können zum Beispiel Auffälligkeiten im Verhalten, Gewalt oder Substanzgebrauch sein. Internalisierende Symptome hingegen richten sich eher nach innen und beschreiben inneres Erleben, Ängste und andere Emotionen.

Geschlechtsunterschiede bei psychischen Erkrankungen, gibt es das?

Bestimmte psychische Erkrankungen gelten nicht nur als “typisch weiblich” oder “typisch männlich”, es gibt tatsächlich beobachtbare Geschlechtsunterschiede. Die aktuelle und im folgenden aufgezeigte Datenlage in Deutschland bezieht sich auf cisgeschlechtliche Personen. Männer und Frauen erkranken insgesamt zwar in etwa gleich häufig an psychischen Erkrankungen - an welchen, unterscheidet sich hingegen stark. So kommen affektive Störungen und Angsterkrankungen, also Erkrankungen mit internalisierenden Symptomen, bei Frauen weit häufiger vor als bei Männern. Männer hingegen leiden häufiger an Erkrankungen mit externalisierenden Symptomen.

So ist die Wahrscheinlichkeit für Frauen, innerhalb eines Jahres an einer Angststörung zu erkranken, fast doppelt so hoch als bei Männern.

Balkendiagramm zur Prävalenz für Angststörungen bei Männern und Frauen in Deutschland 2020

Bei Männern hingegen zeigt sich oft schon in der Jugend, dass sie eher dazu neigen, an Erkrankungen zu leiden, deren Symptome sich unter anderem stark auf das Verhalten beziehen. So wird das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADHS) bei Jungen deutlich häufiger diagnostiziert, als bei Mädchen. Diese Tendenz zeigt sich bis ins Erwachsenenalter. In einer repräsentativen Studie gaben rund 18 Prozent der männlichen Teilnehmer an, an einem Alkoholproblem zu leiden, bei den Frauen waren es hingegen nur 4 Prozent.

Inanspruchnahme von Therapie

Nicht nur bei den Erkrankungen selbst, auch bei der Inanspruchnahme von Psychotherapie und professioneller Versorgung zeigen sich deutliche Geschlechtsunterschiede: Frauen wagen den Schritt zur*m Therapeut*in wesentlich häufiger als Männer. Das führt zum Einen dazu, dass psychische Erkrankungen bei Frauen häufiger erkannt und diagnostiziert werden, aber auch, dass sie eher angemessene psychologische Unterstützung bekommen.

Mögliche Ursachen

Woher diese Geschlechtsunterschiede kommen, ist nicht eindeutig geklärt. In jedem Fall aber entstehen sie aus einem Zusammenspiel von psychologischen und soziokulturellen Faktoren.

Rollenbilder

Die uns vermittelten Rollenbilder und die Rollenerwartungen, die man an das eigene Geschlecht hat, beeinflussen nicht nur die tatsächliche Entstehung psychischer Erkrankungen, sondern auch die klinische Praxis an sich. Aufgrund gesellschaftlich vorherrschender Rollenbilder werden Männer und Frauen oft jeweils ganz bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, die sich zum Einen von Gesundheitsexpert*innen und Wahrnehmung und Diagnose psychischer Erkrankungen auswirken. Zum anderen wirken sie sich aber auch auf Patient*innen und ihre Selbstwahrnehmung sowie die Wahrnehmung der eigenen Erkrankung aus. 

Einfluss von Männlichkeits-Ideologien auf die Inanspruchnahme von Psychotherapie 2021
Quelle: Inanspruchnahme von Psychotherapie bei Männern. Universität Zürich 2021. www.psychologie.uzh.ch

Die rote Linie in der Grafik beschreibt eine hohe MRNS-Ausprägung, also eine hohe Ausprägung normativer Männlichkeit-Ideologien. Es zeigt sich, dass Personen mit einer hohen Ausprägung auf dieser Skala, erst bei sehr stark ausgeprägten Symptomen Psychotherapie in Anspruch nehmen. Das kann daher kommen, dass es gesellschaftlich nach wie vor als Schwäche und nicht männlich wahrgenommen wird, wenn Männer an psychischen Erkrankung leiden oder gar Hilfe in Anspruch nehmen müssen.

Wer hat ein höheres Risiko, an psychischen Belastungen zu erkranken?

Oftmals sind Personen, die unter einem hohen Maß an Diskriminierung oder auch gesellschaftlichem und institutionellem Druck leiden, leiden auch häufiger an psychischen Erkrankungen. Diskriminierung meint hier Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Sexualität, Alter, Geschlecht, Religion oder sonstigen Faktoren. Auch Menschen, die unter Adipositas leiden, haben eine höhere Prävalenz für psychische Erkrankungen wie affektive Störungen (z.B. Depression), Angststörungen und Essstörungen (insbesondere Binge-Eating-Störung). Adipöse Frauen weisen im Vergleich zu adipösen Männern ein höheres Risiko für psychische Folgeerkrankungen auf.

Ein Artikel von

Felicitas Eva Lindner Redakteurin · Journalismus (M.A.), Psychologie (B.Sc.)

Quellenangaben

  1. Schaarschmidt, Theodor (2016). Leiden Männer anders als Frauen? Online verfügbar unter https://www.spektrum.de/news/psychische-erkrankungen-treffen-maenner-anders-als-frauen/1415506  [29.09.21]
  2. Universität Zürich, Psychologisches Institut - Klinische Psychologie und Psychotherapie (2021). Inanspruchnahme von Psychotherapie bei Männern. Online verfügbar unter https://www.psychologie.uzh.ch/de/bereiche/hea/klipsypt/andromind/M%C3%A4nner-und-Psychotherapie.html [29.09.21]

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