Zurück 01 Dec 2021 · 8 min lesezeit
von Katrin Bermbach

Nichts macht Spaß und du hast zu nichts Lust. Diese Anzeichen können auf eine Depression hindeuten – allerdings geht es auch vielen so, wenn sie an Liebeskummer leiden. Was der Unterschied zwischen Liebeskummer und Depression ist und wann das eine in das andere übergehen kann, erklären wir hier.

Liebeskummer kennt jeder – und er tut wirklich körperlich weh, wie Forscher*innen zeigen konnten. Unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist Liebeskummer sogar der häufigste Grund für Suizide. Niedergeschlagenheit und das Gefühl von Leere und Verlust gehören zum Liebeskummer dazu. Aber kann dieser Zustand auch zu einer klinischen Depression führen, die behandelt werden sollte? Oder gibt es da entscheidende Unterschiede?

Wichtiger Unterschied: Depression oder Liebeskummer?

Eine Depression ist eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung, die du auf keinen Fall ertragen musst. Es ist eine Krankheit, für die es Hilfe und Therapien gibt – mit guten Heilungschancen.

Liebeskummer dagegen kann zwar extreme Ausmaße annehmen, er ist aber eine ganz natürliche und auch gesunde Reaktion deiner Psyche. Du musst den Verlust einer Beziehung zu einem geliebten und vertrauten Menschen verarbeiten. Liebeskummer ist also eine Form der Trauer – und damit nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht. Er fühlt sich allerdings mitunter richtig schlimm an.

Die Phasen der Trauer

So individuell Emotionen auch sind, gibt es doch Gemeinsamkeiten. Das haben Psycholog*innen aus der langjährigen Erforschung des menschlichen Verhaltens herausgearbeitet. So lassen sich für Trauerreaktionen wie Verlust eines geliebten Menschen, des Arbeitsplatzes oder eben einer Liebesbeziehung fünf Phasen beschreiben, die jeder Trauernde in der einen oder anderen Form nacheinander durchlebt.

  1. Leugnen
  2. Wut
  3. Verhandeln
  4. Depression
  5. Akzeptanz

Leugnen

Auf das „Nichtwahrhabenwollen“, dass im Fall von Liebeskummer eine Beziehung zu Ende gegangen ist, der Partner oder die Partnerin sich getrennt hat, oder der Schwarm nicht die gleichen Gefühle für dich hat wie du für ihn*sie, folgt die Phase der Wut.

Wut

Rachegedanken oder sogar Hass können dann im Mittelpunkt stehen. Diese Phase ist gekennzeichnet von starken Emotionen und emotionalen Handlungen. Manch ein Teller oder auch Smartphone sind in dieser Phase bereits an der Wand gelandet.

Verhandeln

So gegensätzlich das erscheinen mag, folgt dann die Phase des Verhandelns. Du versuchst, noch einmal um die Liebe zu kämpfen. Kompromisse wie „Beziehungspause“, „Trennung auf Zeit“ oder das zähneknirschende Zulassen „offener Beziehungen“ entstehen in dieser Phase – obwohl du die Eifersucht eigentlich gar nicht unterdrücken kannst.

Depression

Scheitern alle Rettungsversuche, kommt schließlich die Phase der tiefen Trauer, der Depression. Und hier zeigt Liebeskummer Depressions-Symptome. Angefangen bei den Hauptsymptomen Niedergeschlagenheit, Freud- und Interesselosigkeit sowie Antriebslosigkeit bis hin zu körperlichen Nebensymptomen wie Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit oder körperlichen Schmerzen.

Der wichtigste Unterschied ist die Zeit. Denn Liebeskummer geht in der Regel vorbei, (schwere) Depressionen bleiben dagegen unbehandelt oft bestehen. Als ein Diagnosekriterium für Depressionen gilt, dass Niedergeschlagenheit und Freud- und Lustlosigkeit länger als zwei Wochen lang vorhanden sind. Liebeskummer ist nach zwei Wochen zwar nicht verschwunden, aber die Gefühle beginnen bereits, sich zu verändern.

Akzeptanz

Bei normalen Trauerreaktionen wie dem Liebeskummer legt sich die Phase der Depression also schneller wieder und es folgt die Akzeptanz als Abschluss des Trauerprozesses. Du nimmst hin, dass der*die Angehimmelte kein Liebespartner*in werden wird, aber vielleicht ein*e Freund*in.

Allerdings trauert jeder anders – und gemeinsam mit anderen Faktoren kann die depressive Phase des Liebeskummers in eine tatsächlich krankhafte Depression münden, also Depression durch Liebeskummer ausgelöst werden.

Chaos im Hirn: Wo sich Liebeskummer und Depression ähneln

Depression und Liebeskummer zeigen in der vierten Phase der Depression nicht nur ähnliche Symptome, sie haben teilweise auch die gleiche Ursache in der Hirnchemie.

Forschende konnten in Studien zeigen, dass bei Liebeskummer die Balance der Neurotransmitter Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Adrenalin aus dem Gleichgewicht gerät – wie es bei Depressionen auch der Fall ist. Entsprechende Auswirkungen hat das auf das psychische Befinden, den Stresslevel und körperliche Reaktionen, die von diesen Hormonen gesteuert werden.

Wenn Liebeskummer gefährlich wird

Auch wenn Liebeskummer nicht in eine krankhafte Depression mündet und in den meisten Fällen verhältnismäßig schnell wieder vergeht, kann Liebeskummer schwere und gefährliche Folgen haben.

Studien haben gezeigt, dass Liebeskummer als einer der häufigsten Gründe für einen Suizid bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen genannt wird. Auch Beziehungstaten wie Mord oder der sogenannte erweiterte Suizid, bei dem die Täter*innen zunächst Kinder oder Ex-Partner*innen töten und anschließend sich selbst, haben ihre Ursache teilweise in krankhaftem Liebeskummer. Bekannt ist zudem das „Broken-Heart-Syndrom“, eine Form einer psychosomatischen Erkrankung, die sogar tödlich verlaufen kann.

Liebeskummer löst auch häufig Alkohol- und/oder Drogenmissbrauch aus. Das verschlimmert das Problem aber nur. Denn genauso wenig wie sich Sorgen in Alkohol ertränken lassen, verschwindet Liebeskummer mit dem Rausch. Im Gegenteil: Besonders negative Gefühle können durch Alkohol oder Drogen noch verstärkt werden. Im Extremfall entsteht eine Alkohol- oder Substanzabhängigkeit.

Und tatsächlich kann Liebeskummer der Auslöser einer depressiven Erkrankung sein. In den allermeisten Fällen muss man aber unterscheiden: Depression oder Liebeskummer?

Trennung als Auslöser: Depression durch Liebeskummer?

Eine depressive Erkrankung hat in der Regel verschiedene Ursachen und Auslöser. In den meisten Erklärungsmodellen, mit denen Ärztinnen*Ärzte, Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen heute arbeiten, kommen mehrere Faktoren zusammen.

Einige Ursachen liegen demnach in einer körperlichen oder genetischen Veranlagung. Bei den Betroffenen gerät das chemische Gleichgewicht der Neurotransmitter leichter aus dem Gleichgewicht oder es kommt zu Stoffwechselstörungen im Gehirn. Auch psychosoziale Faktoren spielen eine Rolle, unter anderem nicht vollständig verarbeitete traumatische Erlebnisse in der Kindheit.

Spätere Auslöser einer Depression können dann ebenfalls traumatische Erlebnisse sein – beispielsweise das als traumatisch empfundene Ende einer Beziehung. Liebeskummer als Trauerreaktion kann daher bei entsprechend vorbelasteten Menschen durchaus zum Auslöser für eine ernsthafte depressive Erkrankung werden. Besonders, aber nicht nur, kann das etwa der Fall sein, wenn in der Kindheit der Verlust eines Elternteils nicht vollständig (bis zur Akzeptanz) verarbeitet wurde und nun der Verlust des*der Partners*Partnerin in der Beziehung mit der neuen Trauer die alte wieder ins Bewusstsein bringt. Depression, Liebeskummer und Vorbelastung stehen dann in einem Zusammenhang.

Liebeskummer – Depression: Symptome ernst nehmen

Wie oben beschrieben, ist Liebeskummer an sich nichts Schlimmes. Es ist eine natürliche Reaktion, mit der dein Körper und dein Geist Trauer verarbeiten. Er kommt bei Jugendlichen häufiger vor – wenn sie sich zum ersten Mal verlieben. Aber natürlich sind die Älteren auch nicht gegen Liebeskummer gefeit.

Wichtig ist: Wenn Liebeskummer und Symptome wie Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit, Traurigkeit und Freudlosigkeit über einen Zeitraum von mehr als zwei Wochen bleiben, kann es sein, dass du an einer Depression erkrankt bist.

Ob das tatsächlich so ist, kann dein*e Arzt*Ärztin oder ein*e Psychotherapeut*in klären, der*die über die aktuelle Situation hinaus Fragen zu deiner Vergangenheit und eventuellen Erkrankungen stellen wird. Weil bei einer Liebeskummer-Depression Symptome zum Teil die gleichen sind wie bei einer krankhaften schweren Depression, sollte ein*e Expert*in spätestens dann befragt werden, wenn du über einen langen Zeitraum hinweg leidest.

Auch wenn es nur Liebeskummer ist, kann dies schwerwiegende körperliche und psychische Folgen haben, für die du rechtzeitig Hilfe annehmen solltest.

Leidensverstärker: Liebeskummer während einer Depression erleiden

Ein Sonderfall ist es, wenn Liebeskummer während einer Depression auftritt. Wenn ein*e bereits depressiv Erkrankte*r zusätzlich den Halt aus einer Liebesbeziehung verliert.

Das Fehlen oder der Verlust von sozialem Rückhalt gilt ohnehin als Risikofaktor für den Therapieerfolg oder auch bei einer überstandenen depressiven Episode für die Rückfallwahrscheinlichkeit. Liebeskummer kann daher ein Leidensverstärker bei einer bestehenden depressiven Erkrankung sein und die Behandlung erschweren.

Raus aus dem Tief: Depression, Liebeskummer – Hilfe finden

Für Liebeskummer und Depression gilt das Gleiche wie für jede andere psychische oder körperliche Erkrankung – du brauchst Unterstützung.

Aktiv sein trotz Liebeskummer

Für Jugendliche in der Pubertät ist Liebeskummer oft besonders schwer zu ertragen. Es gibt aber auch bei dieser Liebeskummer-Depression Hilfe. Meistens können Eltern oder Freunde bereits mit einer Umarmung und aufmunternden Worten Trost spenden – die Betroffenen merken, dass sie nicht allein sind und wichtige Menschen immer an ihrer Seite stehen. Falls es dir schlecht geht, solltest du versuchen, möglich viel zu unternehmen, was dir Freude bereitet: Hobbys nachgehen, Sport treiben, dich mit Freunden treffen. Vielleicht hilft es dir auch, deinen Kummer aufzuschreiben.

Kummer von der Seele reden

Oft tut es gut, Außenstehenden zu erzählen, was passiert ist und wie es dir geht. Dafür gibt Hilfetelefone. Die Telefonseelsorge, die in ganz Deutschland unter den kostenfreien Nummern 0800/1110111 und 0800/1110222 zu erreichen ist, kann etwa bei Liebeskummer helfen, wenn dir sonst gerade niemand zuhören kann. Für Kinder und Jugendliche gibt es zusätzlich die „Nummer gegen Kummer“, die in ganz Deutschland kostenfrei unter der Nummer 116111 zu erreichen ist – und die auch ein kostenfreies Elterntelefon unter der Nummer 0800/1110550 anbietet. Alle Angebote sind anonym.

Im Extremfall zum*zur Arzt*Ärztin gehen

Wenn der Kummer nicht vergeht, der Leidensdruck ungesunde Ausmaße annimmt, Selbstverletzungen, Essstörungen oder gar Suizidabsichten hinzukommen, solltest du unbedingt Hilfe bei einem*einer Arzt*Ärztin suchen. Sind Freund*innen oder Verwandte davon betroffen, solltest du Liebeskummer auf keinen Fall verharmlosen. Der*die Betroffene leidet und hat ein Recht darauf, ernst genommen zu werden.

Wenn eine echte Depression aus dem Liebeskummer wird, ist es erst recht wichtig, dass du dir Hilfe suchst – für dich oder den*die Betroffenen. Denn wird eine Depression frühzeitig erkannt, ist sie sehr gut behandelbar. Je länger du allerdings wartest, umso schwieriger wird die Therapie.

Wenn du glaubst, an einer depressiven Erkrankung zu leiden, wende dich an deine*n Ärztin*Arzt oder eine*n Psychotherapeuten. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet unter der kostenfreien Rufnummer 0800/3344533 ein Info-Telefon Depression. Dort können dir Experten Anlaufstellen nennen. In akuten Fällen wende dich bitte an eine psychiatrische Klinik in der Nähe oder wähle den Notruf 112.

Ein Artikel von

Katrin Bermbach Gründerin und COO · Psychologin

Quellenangaben

  1. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde et al. (2015, 16. November): Unipolare Depression - Nationale VersorgungsLeitlinie. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/nvl-005l_S3_Unipolare_Depression_2017-05.pdf
  2. Grau, I. (2002). Erleben und Verarbeiten von Liebeskummer. Zeitschrift für Psychologie. https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1026//0044-3409
  3. Malberg, K. (2016). Liebeskummer tut wirklich weh. MMW – Fortschritte der Medizin. https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/BF03368147.pdf210.2.87
  4. Najib et al. (2004). Regional brain activity in women grieving a romantic relationship breakup. American Journal of Psychiatry. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15569896/
  5. Vorderholzer et al. (2021). Ursachen einer Depression, Neurologen und Psychiater im Netz. https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/stoerungen-erkrankungen/depressionen/ursachen/

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