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Depression erkennen: Wenn deine Mitmenschen nicht nur traurig sind

20 Oct 2021 · 5 min lesezeit
von Volker Budinger

Traurig und niedergeschlagen ist jeder mal – doch was, wenn die Traurigkeit nicht wieder geht? Wie kannst du eine Depression bei anderen Menschen erkennen, beim*bei der Partner*in, Angehörigen oder deinen Nachbar*innen? Zwei Fragen können bereits helfen, darauf fast sichere Antwort zu geben.

„Lass dich doch nicht so hängen“, „Es ist doch nichts Schlimmes passiert“ – es ist schwer zu ertragen, wenn es geliebten Menschen schlecht geht. Aber bei einer Depression helfen solche Ratschläge nicht. Wer an einer Depression leidet, braucht Hilfe. Aber wie erkenne ich eine Depression und unterscheide sie etwa von normaler Traurigkeit oder gedrückter Stimmung, die von selbst vorübergeht? Wie erkenne ich eine Depression bei meinem Mann oder meiner Frau bzw. Partner*in? Kannst du Depression an den Augen erkennen oder gibt es das „typische“ Depressions-Gesicht? Es gibt einige klare Anzeichen, die dir zeigen, ob deine Mitmenschen depressiv sind.

Depression erkennen – zwei Fragen können helfen

Traurigkeit, Trauer und Niedergeschlagenheit an sich sind keine Krankheiten. Auch in unserer modernen Leistungsgesellschaft, in der manche Arbeitgeber*innen oder Politiker*innen verlangen, dass man stets „zum Wohle des Unternehmens oder der Gesellschaft funktionieren solle“, hat jede*r Einzelne das Recht, traurig zu sein, etwa nach einem traumatischen Erlebnis, dem Verlust geliebter Menschen oder nach einer schwerwiegenden Diagnose. Auch eine Kündigung kann zu großer Niedergeschlagenheit führen.


Zum Problem, nicht nur für den*die Betroffene*n sondern auch für seine*ihre Mitmenschen, aber wird die Traurigkeit, wenn sie nicht wieder geht. Wenn sich eine Depression manifestiert hat und sich ein Strudel selbstverstärkender Schwermütigkeit gebildet hat – mit vielen weiteren möglichen psychischen und körperlichen Folgen bis hin zur Suizidgefährdung.


Statistisch betrachtet, erkrankt nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe jede vierte Frau und jeder achte Mann in Deutschland im Laufe ihres bzw. seines Lebens an einer Depression. Unter anderem Leistungsdruck nicht nur im Job, sondern auch in Freizeit und Familie sowie Krisen-Situationen wie jüngst die COVID-19-Pandemie oder die Auswirkungen des Klimawandels können Auslöser sein.


Doch woran erkenne ich eine Depression? Meist sind es die Mitmenschen, die vielleicht sogar noch vor dir selbst bemerken, dass etwas nicht stimmt. Oder dir fällt auf, dass dein*e Partner*in anders ist, sich anders verhält. In jedem Fall können dir bereits die gleichen zwei Fragen, die auch ein Psychotherapeut als Erstes stellen würde, helfen, einen ersten deutlichen Hinweis geben, den Beginn einer Depression erkennen zu können.

Der Zwei-Fragen-Test

Dieser „Zwei-Fragen-Test“, der so auch in der Leitlinie Unipolare Depression für Ärzt*innen festgeschrieben ist, geht wörtlich so:

  1. „Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig bedrückt oder hoffnungslos?“
  2. „Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?“

Wenn die Antwort auf beide Fragen ja ist – und auch wenn der Zeitraum „erst“ die vergangenen zwei Wochen umfasst, ist dies ein erstes deutliches Indiz, dass der*die Betroffene an einer Depression leiden könnte.

Dieser recht einfache Test ist tatsächlich statistisch gesehen recht sensitiv und aussagekräftig. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 96 Prozent hilft er beim Erkennen einer Depression bei einem*einer Betroffenen. 

Dennoch ist dies nur ein erster Hinweis. Bist du selbst betroffen oder jemand in deinem Umfeld, dann sprich beim Verdacht an einer Depression zu leiden bitte unbedingt mit deinem*deiner Hausarzt*ärztin oder suche eine*n Facharzt*ärztin oder eine*n Psychotherapeut*in auf.

Dein*e Arzt*Ärztin kann dir dann auch unter anderem einen unserer Online-Kurse von Selfapy verschreiben, der dir helfen kann, den Weg aus einer Depression wieder herauszufinden.

Erste Anzeichen – woran erkenne ich eine Depression?

Der „Zwei-Fragen-Test“ ist eine erste sehr gute Möglichkeit, etwa eine Depression beim Partner erkennen zu können – oder auch bei dir selbst. Mit dem Test werden die sogenannten Hauptsymptome einer Depression abgefragt. Hier erklären wir das nur kurz, ausführlicher findest du das im Artikel 🡪 Symptome einer Depression. Wie erkennen Betroffene oder Angehörige also das Problem?Die Hauptsymptome (jeweils über einen entsprechend längeren Zeitraum) sind:

  • gedrückte depressive Stimmung
  • Verlust von Interesse und (Lebens-) Freude
  • verringerter Antrieb und erhöhte Müdigkeit

Sind mindestens zwei dieser Symptome erfüllt und außerdem mindestens zwei der folgenden Nebensymptome, spricht man von einer (klinischen) Depression. Neben- oder Zusatzsymptome sind:

  •     Konzentrations- und Aufmerksamkeitsminderung
  •     geringeres Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
  •     Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit
  •     negative und pessimistische Gedanken an die Zukunft
  •     Suizidgedanken oder bereits erfolgte Selbstverletzung oder Suizidhandlungen
  •     Schlafstörungen
  •     verringerter Appetit

Dazu kommen noch viele verschiedenen körperliche Reaktionen und Beschwerden.

Um eine Depression von normaler Traurigkeit abzugrenzen, geht es vor allem um den Faktor Zeit. Außerdem kann ein ursächliches Ereignis dir einen Hinweis geben. Trauer geht immer ein in irgendeiner Form traumatisches Ereignis voraus. 

Eine Depression kann sich zwar ebenfalls aus einem Ereignis heraus entwickeln. Bei normaler Trauer oder Traurigkeit ebbt der Zustand nach rund zwei Monaten allerdings ab. Dabei werden häufig fünf sogenannte Phasen in Wellen durchlaufen:

  1. leugnen
  2. Wut
  3. verhandeln
  4. Depression
  5. Akzeptanz

Leere und Verlust (eines geliebten Menschen, des Arbeitsplatzes, der Zuhauses oder anderes) stehen im Fokus des Empfindens – die Phase der Depression ist bei der Traurigkeit vorübergehend. Gedanken drehen sich auch um Erinnerungen an das Verlorene. Bei der Depression dagegen steht die Freudlosigkeit und Niedergeschlagenheit im Mittelpunkt des Denkens und Fühlens.

Einige Symptome einer Depression gehen allerdings auch mit anderen psychischen Erkrankungen einher – oder können eine unerwünschte Wirkung eines Medikamentes sein. Die differenzierte Diagnose eines*einer Arztes*Ärztin oder Therapeuten*in ist daher wichtig.

Fragebogen und Selbsttest Depression

Die Deutsche Depressionshilfe bietet einen kurzen und anonymen Selbsttest im Internet an, der anhand von zehn Fragen einen guten Hinweis auf eine mögliche depressive Erkrankung geben kann. Den Test findest du hier.


Mit einem neun Fragen umfassenden wissenschaftlich fundierten Fragebogen nach dem Standard der American Psychiatric Association (PHQ-9 – das steht für „Brief Patient Health Questionnaire – 9“) kannst du sicher und anonym Klarheit gewinnen, ob du an einer Depression leiden könntest. Hier findest du den Fragebogen.


Viele weitere Informationen rund um das Thema Depression, zu Symptomen, Therapien Hilfsangeboten und Ursachen findest du in unserem Magazin.

Ein Artikel von

Volker Budinger Medizinredakteur

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Quellenangaben

  1. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (2015). S3-Leitlinie/NVL Unipolare Depression.https://www.leitlinien.de/themen/depression/2-auflage/kapitel-2#
  2. Damerow et al. (2020). Die gesundheitliche Lage in Deutschland in der Anfangsphase der COVID-19-Pandemie. Zeitliche Entwicklung ausgewählter Indikatoren der Studie GEDA 2019/2020-EHIS. Journal of Health Monitoring. https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/Focus/JoHM_04_2020_Gesundheitliche_Lage_COVID-19_GEDA.pdf?__blob=publicationFile
  3. Friedewald (2021). Deutschland Barometer Depression. Stiftung Deutsche Depressionshilfe. https://www.deutsche-depressionshilfe.de/forschungszentrum/deutschland-barometer-depression
  4. Jacobi et al. (2016). Erratum zu: Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung. Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul „Psychische Gesundheit“ (DEGS1-MH). Nervenarzt, 87,88–90.
  5. Robert Koch-Institut (2021). Depression. www.rki.de. https://www.rki.de/DE/Content/GesundAZ/D/Depression/Depression_node.html
  6. Vorderholzer (2021). Was ist eine Depression? Neurologen und Psychiater im Netz. https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/diagnostik/diagnosen/

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