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Depression

Hochfunktionale Depression: Wenn niemand erkennt, dass du krank bist

13 Jul 2020 · 4 min lesezeit
von Andrea Bruchwitz

Eine hochfunktionale Depression ist nach außen hin kaum zu erkennen. Betroffene zeigen keinerlei Symptome in der Öffentlichkeit und scheinen ihr Leben im Griff zu haben. Häufig sind sie beruflich äußerst erfolgreich und haben soziale Kontakte. Doch im Inneren sieht es ganz anders aus: Menschen mit einer hochfunktionalen Depression sind niedergeschlagen, ausgebrannt und können sogar suizidale Gedanken entwickeln. Wir erklären, woran die Krankheit erkennbar ist und wie man am besten mit ihr umgeht.

Was ist eine hochfunktionale Depression?

Die hochfunktionale Depression (oder auch „atypische Depression“) ist schwer zu diagnostizieren, da keines der typischen Symptome einer Depression äußerlich erkennbar ist. Wer an einer hochfunktionalen Depression erkrankt, funktioniert im Alltag meist auf hohem Niveau und kann situationsangemessene Gefühle zeigen, wirkt also durchaus empathisch und einfühlsam.

Nur hinter der Fassade lassen die Betroffenen ihre unterdrückten Emotionen und die depressiven Gedanken zu, etwa alleine in der Wohnung, nach Feierabend oder am Wochenende. Sie leiden unter Erschöpfung, Trauer, Überforderung oder einer inneren Leere. Ein ständiges „Ich kann nicht mehr“ kreist im Kopf herum. Häufig machen sich die Betroffenen starke Selbstvorwürfe und kämpfen mit Widersprüchen: Ihr Leben sollte eigentlich zufriedenstellend sein, aber es fühlt sich nicht danach an. Epidemiologischen Studien zufolge leiden bis zu vier Prozent der Allgemeinbevölkerung unter einer solchen atypischen Depression.

Wie die atypischen Symptome den Alltag beeinträchtigen

Das Krankheitsbild unterscheidet sich deutlich von einer gewöhnlichen Depression, denn anstelle von Schlaf- und Appetitlosigkeit treten ein erhöhtes Schlafbedürfnis und Heißhungerattacken auf. Weitere Symptome, die einzeln oder kombiniert vorkommen können, sind Alkohol- und Tablettenkonsum, Gereiztheit, Versagensängste sowie ein taubes, schweres Gefühl in Armen und Beinen.

Das Leben soll nach außen hin so effizient und erfolgreich wie möglich wirken, also findet der Austausch mit Arbeitskollegen oder Freunden weiterhin statt. Im Gegensatz zu einer normalen Depression, die zu Rückzug und Isolation führt, pflegen die Betroffenen zwar ihre sozialen Kontakte, fühlen sich aber nach gemeinsamen Aktivitäten erschöpft und ausgelaugt. Zudem sind sie sehr empfindlich gegenüber Zurückweisung, Ablehnung oder Kritik. Die depressive Störung wird nach außen hin nicht gezeigt.

Ein hoher Anspruch an sich selbst sowie geißelnder Perfektionismus können dazu führen, dass erholsame Freizeitaktivitäten den selbstauferlegten Pflichten weichen müssen. So entsteht ein hohes Stresslevel, welches die Symptome immer weiter verstärkt.

Mögliche Ursachen für eine hochfunktionale Depression

Meist wird die atypische Depression durch eine Folge von zusammenhängenden Ereignissen ausgelöst. Die Ursachen können stark variieren: Wie bei einer gewöhnlichen Depression kann ein Kindheitstrauma, der Verlust einer nahestehenden Person oder enormer Stress damit zusammenhängen. Eine Fehlfunktion der Botenstoffe im Gehirn oder eine mangelhafte Ernährung können ebenfalls dazu beitragen.

Das Krankheitsbild tritt häufig mit anderen psychischen Störungen auf, wie beispielsweise Panikattacken, Essstörungen oder sozialen Ängsten. Bei einer Studie, die an zwölf deutschen psychiatrischen Kliniken durchgeführt wurde, stellten die Wissenschaftler*innen fest, dass überwiegend Frauen an einer atypischen Depression erkranken.

Warum es schwierig ist, um Hilfe zu bitten

Viele Menschen, die an einer hochfunktionalen Depression erkranken, leiden seit Jahren unter negativen Gedankenmustern. Die Stimmung kann sich zwar durch positive Ereignisse vorübergehend bessern, doch es wird als „normal“ empfunden, regelmäßig von negativen und depressiven Gefühlen übermannt zu werden und das eigene Leben in Frage zu stellen. Es besteht also die Gefahr, dass man selbst nicht erkennt, in welcher Situation man sich befindet.

Das tägliche Aufrechterhalten der äußeren Fassade kostet zwar enorm viel Energie, allerdings haben sich Betroffene an die ständige Verausgabung gewöhnt. Sie können ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen und trauen sich nicht, um Hilfe zu bitten, da sie sich nicht „krank genug“ fühlen.

Therapieformen: Den Zyklus durchbrechen

Die hochfunktionale Depression kann mit einer psychologischen Therapie oder einer kognitiven Verhaltenstherapie angegangen werden. Ein*e Therapeut*in kann unter Berücksichtigung der Vorgeschichte und der Symptome die richtige Diagnose stellen und geeignete Therapieformen einsetzen. Bleibt die Krankheit untherapiert, können die depressiven Gedanken zum Burnout oder im schlimmsten Fall zum Selbstmordversuch führen.

Bei einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) lernt man, wie man den Depressionszyklus stoppen kann und wie man die Aufmerksamkeit bewusst auf Dinge richtet, um die Depression zu lindern. So können negative Gedanken frühzeitig erkannt und durchbrochen werden. Je nach Therapieform kommen weitere Methoden hinzu, etwa die Stärkung des Selbstbewusstseins oder verschiedene Stressbewältigungstechniken.

Leider beträgt die Wartezeit für einen Therapieplatz derzeit zwischen sechs Monaten und zwei Jahren. Hast du das Gefühl, in einer ausweglosen Situation zu stecken oder kurz vor einem Zusammenbruch zu stehen? Wir helfen dir dabei, die Wartezeit mit einem Online-Kurs zu überbrücken. Die Kursinhalte basieren auf den Methoden der Verhaltenstherapie. Unsere Psycholog*innen stehen dir bei Fragen zum Kurs im Chat zur Seite.

Ein Artikel von

Andrea Bruchwitz Redakteurin · Content Managerin

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