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Psychotherapie – Was passiert während einer Therapie?

10 Aug 2018 · 6 min lesezeit
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Noch immer sind die Vorurteile gegenüber der Psychotherapie groß. Nicht selten hört man Sätze wie “Das ist nur was für schwer kranke” oder “So verrückt bin ich noch nicht, dass ich zum*r Psychotherapeut*in muss”. Grund für diese Vorurteile ist meist die Unwissenheit. Viele Menschen wissen nicht, was während einer Psychotherapie wirklich passiert. Wir möchten mit diesen Vorurteilen aufräumen und Menschen ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Wir erklären dir, wie eine Sitzung bei der*dem Psychotherapeut*in abläuft und was während der Therapie passiert. 

Was erwartet dich in einer Psychotherapie?

Jede Form der Psychotherapie hat eigene, wissenschaftlich fundierte Methoden, um innere Konflikte zu lösen und somit die Lebensqualität zu verbessern. Zu den bekanntesten Therapieansätzen gehören die Psychoanalyse und die kognitive Verhaltenstherapie, aber auch Gesprächstherapie oder Familientherapie.

Während der Psychotherapie lernst du deine Stimmungen, Gefühle, Gedanken, Verhaltensweisen und ihre Zusammenhänge wahrzunehmen und zu verstehen. Während der Therapie werden dir Hilfsmittel an die Hand gegeben, mit denen du mehr Kontrolle und Einsicht über dein Fühlen, Denken und Verhalten erlangst. Mit Hinblick auf herausfordernde Situationen wirst du lernen, diese zu erkennen, deine zu Grunde liegenden Überzeugungen und Verhaltensmuster zu erkennen und neue Bewältigungsmuster anzuwenden. Welche Form von Psychotherapie für dich hilfreich ist, hängt von deiner Persönlichkeit und deiner individuellen Situation ab und wird in Abstimmung mit deiner*m Therapeut*in vereinbart. Wichtig ist zunächst den ersten Schritt zu gehen und einen Termin zu vereinbaren, um dich aktiv mit deinen Problemen auseinander zu setzen.

Wann solltest du zum*r Psychotherapeut*in?

Verdacht auf psychische Erkrankungen

Psychotherapie sollte vor allem dann in Anspruch genommen werden, wenn die Lebensqualität durch die Symptome einer psychischen Erkrankung beeinträchtigt wird. Bei zu langem Abwarten kann sich aus einer anscheinend kleinen Krise eine psychische Erkrankung manifestieren. Bei Verdacht auf psychische Erkrankungen lohnt sich also der frühzeitig Gang zum*r Therapeut*in.

Psychische Erkrankungen, die gut durch Psychotherapie eingedämmt werden können sind:

  • Angst- und Panikstörungen
  • Depressionen
  • Burnout
  • Suchterkrankungen (Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Spielsucht, etc.)
  • Essstörungen (Bulimie, Magersucht, Binge-Eating-Störung, etc.)
  • Persönlichkeitsstörungen (Borderline-Persönlichkeitsstörung, etc.)
  • viele andere psychische Erkrankungen

Stressauslöser und Lebenskonflikte

Oftmals wissen Patient*innen vor Beginn ihrer Therapie jedoch überhaupt nicht, unter welcher psychischen Erkrankung sie leiden oder sind unsicher über den Usprung ihrer Symptome. Meist führen hier Stressauslöser oder andere Lebenskonflikte zu einem hohen Leidensdruck im Alltag. Stressauslöser und Lebenskonflikte, die in einer Therapie thematisiert werden können, sind folgende:

  • Lösen von Konflikten in der Familie, mit dem*r Partner*in oder einer anderen Person
  • Lindern von Ängsten oder Stress aufgrund von Arbeit oder anderen Faktoren
  • Bewältigen von großen Veränderungen im Leben, wie z.B. Scheidung, dem Tod eines geliebten Menschen, dem Verlust des Arbeitsplatzes oder dem Übergang in den Ruhestand
  • Lernen, mit unangebrachten Reaktionen umzugehen (Aggression, Verdrängung, etc.)
  • Bewältigen und Lernen mit Gesundheitsproblem umzugehen (z.B. Krebs, chronischer Schmerz, etc.)
  • Aufarbeiten von körperlichem oder sexuellem Missbrauch
  • Lindern von Schlafproblemen (z.B. Schlaflosigkeit, Unruhezuständen, Albträumen, etc.)
  • Aufarbeiten und Bewältigen von Situationen, die bereits in der Vergangenheit liegen, aber die Person noch sehr mitnehmen

Je nach individueller Situation kann es sein, dass eine ambulante Psychotherapie allein nicht ausreicht. Hier sollte dann eine Therapie mit einem*r weiteren Expert*in (Psychiater*in, Neurolog*in, etc.) oder ein anderer Rahmen (z.B. stationäre, teilstationäre oder eine Gruppenpsychotherapie) in Betracht gezogen werden.

Was ist wichtig bei Beginn einer Therapie? 

1. Psychotherapie kann nur erfolgreich sein, wenn du es selbst auch willst.

Eine Psychotherapie sollte immer aus der eigenen Motivation heraus begonnen werden. Es bringt nichts, den*der Partner*in, eine*n Freund*in oder ein Familienmitglied zu einer Therapie zu zwingen. Es kommt vor, dass aus lauter Sorge und Liebe, Personen gezwungen oder dazu überredet werden, eine*n Therapeut*in aufzusuchen, bevor sie selbst dazu bereit sind. Solltest du dich gezwungen fühlen, dann drücke dies deinem*r Psychotherapeut*in gegenüber aus. Meist hilft es, darüber zu reden, und das weitere Vorgehen zu besprechen.

2. Der*die Psychotherapeut*in wird dich nicht heilen, sondern er*sie unterstützt dich bei deiner Heilung.

Das Prinzip einer Psychotherapie beruht auf der Hilfe zur Selbsthilfe. Daher darfst du nicht erwarten, dass dein*e Psychotherapeut*in dir einen Katalog an Lösungen präsentiert, aus dem du dann deine Lösung aussuchen kannst. Diese solltet ihr gemeinsam erarbeiten. Gute Psychotherapeut*innen halten sich mit Ratschlägen zurück, da diese schnell zur Abhängigkeit des*r Patient*in führen können. Lösungsansätze werden von Patient*innen besser angenommen, wenn sie selbst auf diese gekommen sind. Vielmehr sollte das Augenmerk darauf liegen, Verhaltensmuster aufzudecken, an denen man dann gemeinsam arbeitet. Das Ziel ist, gemeinsam Hilfsmittel und Möglichkeiten herauszuarbeiten, mit denen du die Krisenzeiten überwinden kannst.

3. Man fühlt sich nicht direkt besser nach der Psychotherapie.

Natürlich wünschen sich viele Klient*innen, dass direkt nach einer Sitzung ein Effekt zu spüren ist. Bis ein solches Erlebnis eintritt, ist es meist ein langer Weg. Denk daran, dass viele Erinnerungen und Erfahrungen besprochen und die dazugehörigen Gefühle aufgearbeitet werden müssen, um mögliche Muster zu erkennen und diese schlussendlich zu entwirren. Dieser Prozess kann viele Emotionen hervorrufen und auch mal dazu führen, dass sich manches für eine Zeit schwerer anfühlt.

Natürlich ist es das Ziel der Therapie, Symptome und Unwohlsein zu reduzieren. Dieses Ziel zu erreichen, bedeutet manchmal, einen langen Weg zu gehen, der teilweise holprig sein kann. Dir diesen Prozess bereits zu Beginn bewusst zu machen, kann von Vorteil sein.

4. Psychotherapie wird nicht funktionieren, wenn du unrealistische Erwartungen hast.

Das Setzen realistischer Ziele kann die Psychotherapie zu einem Erfolgserlebnis machen. Veränderungen geschehen nicht von heute auf morgen. Am schwierigsten ist es, alte Verhaltensweisen durch neue zu ersetzen. Dies braucht vor allem Zeit. Setze dich selbst nicht mit unrealistischen Erwartungen unter Druck. Gebe dir die Zeit, die du brauchst und versuche wohlwollend und nicht zu streng mit dir umzugehen.

5. Psychotherapie setzt voraus, dass du dich mit deinem*r Psychotherapeut*in wohl fühlst.

Gerade in einem solch intimen Setting wie der Psychotherapie, ist es wichtig, dass du dich wohl fühlst. Hier sollst du immerhin offen, ehrlich und ohne Scham über dich selbst erzählen können. Ohne das Gefühl, sich sicher und wohl zu fühlen, kann es schwierig sein über belastende Themen zu sprechen, Ängste und Sorgen loszulassen oder neue Verhaltensweisen auszuprobieren. Wenn du dich nicht wohl fühlst, ist es völlig in Ordnung, eine*n anderen Therapeut*in aufzusuchen. Lass dir aber auch hier etwas Zeit. Manchmal braucht es mehr als ein Gespräch, um zu wissen, dass du gut mit deinem*r Psychotherapeut*in arbeiten kannst. Grundsätzlich hast du mehrere probatorische Sitzungen, nach denen du entscheiden kannst, ob du dir eine Zusammenarbeit vorstellen kannst.

Selfapy bietet dir sofortige Unterstützung in Krisenzeiten. Mit den Online-Kursen bei verschiedenen psychischen Belastungen kannst du sofort und anonym dein Wohlbefinden steigern, ohne Wartezeit und bequem von Zuhause. Informiere dich in einem kostenlosen Infogespräch.


Quellenangaben

  1. Möller, H. J., Laux, G., Kapfammer, H. P. (2008): Psychiatrie und Psychotherapie, 3. Aufl. Springer
  2. Pfammatter, M., Tschacher, W. (2015): Wirkfaktoren der Psychotherapie - eine Übersicht und Standortbestimmung, In: Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, Vol. 60, Nr. 1, online verfügbar unter: https://doi.org/10.1024/1661-4747/a000099
  3. Dobmeier, J. (2020): Psychotherapie, In: netdoktor, online verfügbar unter: https://www.netdoktor.de/therapien/psychotherapie/ (letzter Zugriff: 03.05.2021)

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