Zurück 12 Oct 2018 · 5 min lesezeit

Menschen, die eine Essstörung entwickeln oder bereits haben, fühlen sich nie gut genug. Sie sind besessen von Kontrolle und streben bewusst oder unbewusst nach Perfektionismus auf allen Ebenen. Hinzu kommt, dass sich Betroffene innerlich leer fühlen und diese Leere „stopfen” wollen. Diese Leere ist ein typisches Symptom einer Depression.

Ob nun erst die Depression oder erst die Essstörung da war, ist nicht unbedingt entscheidend für eine erfolgreiche sowie nachhaltige Therapie. Viel wichtiger ist, das unsichtbare Zusammenspiel zu erkennen und zu betrachten, da Depressionen und Essstörungen einander nähren.

Wie kann sich eine Depression für Menschen mit Essstörungen anfühlen?

Die Ängste, die hinter einem kontrollierten Essverhalten liegen – überessen, erbrechen oder hungern – können für eine Depression sprechen. Zum Beispiel haben Untersuchungen gezeigt, dass fast 50% aller Menschen mit Essstörungen auch eine Depression haben. Angst, innere Leere, Sinnlosigkeit, Traumata, Verlust, Unsicherheit, Identitätsverlust und so weiter sind typische Merkmale für Depressionen und Essstörungen. Somit weisen die beiden Arten von seelischem Schmerz starke Ähnlichkeiten auf. Diese können sich für Betroffene dann so anfühlen:

  • depressive & ängstliche Stimmung
  • Reizbarkeit & starke Stimmungsschwankungen
  • Gefühl der Leere
  • keine Lust auf Unternehmungen
  • plötzliche Gewichtszunahme oder Gewichtsabnahme, ohne das Halten einer Diät
  • gar kein oder ganz starker Appetit über einen längeren Zeitraum
  • Schwierigkeiten beim Einschlafen oder Durchschlafen
  • immer müde und erschöpft sein
  • das Gefühl, unwichtig zu sein oder sich ohne Grund schuldig zu fühlen
  • Konzentrationsschwierigkeiten oder Schwierigkeiten bei Entscheidungen
  • darüber nachdenken, ob das Leben noch einen Sinn hat oder Selbstmordgedanken

Wenn einer der Punkte auf dich zutrifft, dann kann es hilfreich für dich sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Das Zusammenspiel von Depression und Essstörung

Oft hängen Depression und Essstörung zusammen und verstärken sich gegenseitig. Es ist wichtig, die Symptome auch in Kombination zu betrachten. An diesen Anzeichen kannst du das unsichtbare Zusammenspiel erkennen:

  • Deine Essstörung gibt dir kurzzeitig ein gutes Gefühl, denn Überessen beruhigt und füllt die innere Leere. Essen und Erbrechen erleichtern und Hungern gibt dir das Gefühl von Kontrolle und Macht.
  • Überessen, Erbrechen und Hungern und all die Gedanken an Gewicht und Essen lenken dich kurzfristig von deinem emotionalen Schmerz ab. Langfristig führt diese Abwertung schmerzhafter Emotionen zu einer Verstärkung der Depression. Dadurch kann sich ein depressives Gefühl in dir breitmachen.
  • Depression und Essstörungen nähren sich von Scham und Geheimnistuerei. Deshalb fällt es vielen Menschen sehr schwer, offen und ehrlich darüber zu sprechen. Dadurch kommen die wahren und tiefer liegenden Themen oftmals nicht zum Vorschein.

Eine Depression ist häufig nicht sofort erkennbar. Jede Depression kann anders aussehen und sich unterschiedlich ausdrücken. Eine Depression kann bedeuten, dass sich die Person isoliert oder immer so tut, als wäre sie glücklich. Eine Depression kann auch Druck und Stress verursachen oder körperliche Symptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen mit sich bringen. So wie ein Mensch zum Beispiel den ganzen Tag nur noch isst und zunimmt, haben andere Menschen gar keinen Appetit mehr und nehmen ungewollt ab.

Meistere die Herausforderungen mit diesen Tipps

Drei typische Herausforderungen, die Menschen mit einer Depression in ihrer Beziehung zu Essen häufig erleben, sind:

Keine Energie

Eine Depression fühlt sich häufig wie ein starkes Gefühl der Erschöpfung an. Der Gedanke daran, Essen zu planen, zuzubereiten oder auch einkaufen gehen, kann dann überfordernd sein. Auch kann Essen Stress bedeuten und dazu führen, dass du immer nur schnell zwischendurch isst und dich danach schuldig fühlst, dich schämst oder vor allem ungesunde Dinge, die schnell Energie geben, zu dir nimmst.

Tipp: Mach dir eine Liste von Gerichten, die du jederzeit ganz einfach und ohne viel Aufwand zubereiten kannst (Beispiele: Müsli mit frischen Früchten, Rührei, Nüsse oder Brot mit Avocado).

Essen mit Entspannung verwechseln

Gerade weil Essen eine so ablenkende und gemütliche Wirkung hat, kompensieren viele Menschen Druck, Stress und jegliche Gefühle mit Essen. Unglücklicherweise wird uns heutzutage häufig vermittelt oder gesagt, dass das eine schlechte Eigenschaft ist. Es gibt in dieser Hinsicht mit Sicherheit keine grundsätzliche Regel. Selbst wenn du aus emotionalen Gründen isst, ist das oftmals ein unbewusster Akt, für dich zu sorgen. Das ist der Weg, den du kennst und der dich kurzzeitig befriedigt. Das bedeutet nicht, dass das „schlecht“ ist oder du ein schlechter Mensch bist. Gibt es eine dauerhaft gesunde Art für dich zu sorgen? Beispielsweise, wenn du deine Bedürfnisse wichtigen Menschen gegenüber formulierst und für dich einstehst?

Tipp: Erinnere dich immer daran, dass dein Verhalten ein Ausdruck der Selbstfürsorge ist und dass du das Beste tust, was du gerade kennst und kannst.

Kein Appetit

Eine Depression kann dazu führen, dass du keinen Appetit mehr hast. Es kann sein, dass dir Essen und alles andere egal ist und du einfach nur noch schlafen möchtest. Nicht genug essen oder auch durchgehend über den körperlichen Hunger hinaus essen, kann die Symptome einer Depression verstärken. Falls dich dieses Thema begleitet oder du gerade mit Appetitlosigkeit ein Thema hast, dann unterstützen dich diese Tipps:

  • Iss kleine, dafür mehrere Mahlzeiten am Tag
  • Iss nur Dinge, die du liebst und kennst
  • Iss in Gemeinschaft mit anderen, wenn das geht
  • Erst essen, dann trinken, damit dein Magen nicht schon vorher gefüllt ist

Es kann natürlich auch sein, dass dein Appetit rasant steigt. Sprich in jedem Fall mit deiner*m Hausarzt*in, deiner*m Psychotherapeuten*in oder anderen Begleitpersonen darüber.

Was du tun kannst, wenn du dich in diesem Artikel selbst erkennst:

  • Wahrnehmung ist der 1. Schritt. Schäm dich nicht, falls du bemerkst, dass du depressive Stimmungen und/oder eine Essstörung hast.
  • Therapieformen, Klinikaufenthalte oder Coaching sind alles verschiedene Arten der Unterstützung, die dich auf deinem Weg aus dem verzwickten Zusammenspiel von Depression und Essstörungen begleiten können.
  • Falls du gerade eine Psychotherapie machst, sprich das Thema ganz offen und ehrlich an. Nur dann kann dein*e Psychotherapeut*in oder dich entsprechend begleiten.

Kira litt selbst 10 Jahre unter einer Essstörung und einer mittelschweren Depression. SoulFood Coaching heißt ihr persönliches Herzensprojekt. Ihre Mission: Ein neues Bewusstsein für die Themen Hungern, Überessen und Erbrechen erschaffen.

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Quellenangaben

  1. Herpertz, S., de Zwaan, M., Zipfel, S. (Hrsg.) (2015). Handbuch Essstörungen und Adipositas. 2. Aufl. Springer.
  2. Haenel, T. (2018). Die Rolle der Ernährung bei Depressionen. In: Depression - das Leben mit der schwarz gekleideten Dame in den Griff bekommen. S. 191-204. Springer.
  3. Fairburn, C. G. (2012). Kognitive Verhaltenstherapie und Essstörungen. Schattauer
  4. Kreutz, H. (2019). Ernährung und Depression: Gibt es Zusammenhänge? Online verfügbar unter https://www.bzfe.de/service/news/aktuelle-meldungen/news-archiv/meldungen-2019/november/ernaehrung-und-depression/ (letzter Zugriff: 18.03.2021)
  5. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ANAD e.V.

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