Zurück 04 Jul 2022 · 18 min lesezeit

Was ist der Unterschied zwischen facettenreichen Persönlichkeiten und gespaltenen Persönlichkeiten?
Die Erkrankung an einer sogenannten “Multiplen Persönlichkeit”, einer Dissoziativen Identitätsstörung ist eine der schwersten psychischen Erkrankungen.
Was das Krankheitsbild ausmacht, erfährst du in diesem Artikel.

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Was ist eine Dissoziative Identitätsstörung (Multiple Persönlichkeitsstörung)?

Sind wir nicht alle multipel? Jeder Mensch hat so viele Facetten, dass man manchmal meint, mehrere Persönlichkeiten zu sein. 

Multiple Persönlichkeiten haben die unterschiedlichen Anteile ihrer Person nicht zu einem Selbst integriert. Mehrere Persönlichkeiten existieren in diesen Menschen nebeneinander und treten abwechselnd in den Vordergrund.

Diese Persönlichkeitszustände beinhalten eigene Muster der Wahrnehmung, des Erlebens, der Vorstellung und der Beziehung zu sich selbst, der Umwelt und ihrem Körper.   

Sie haben unterschiedliche Charakterzüge, Stimmen, Vorlieben, Fähigkeiten, Erinnerungen und teilweise verschiedene Geschlechter. Oft wissen die verschiedenen Persönlichkeiten nicht einmal voneinander. Viele Betroffene nehmen nur die aktuell präsente Person wahr und in anderen Persönlichkeitsanteilen verbrachte Zeit scheint wie vergessen. 

Das macht die Dissoziative Persönlichkeitsstörung zu einer der schwersten psychischen Erkrankungen. Betroffene stehen unter einem starken Leidensdruck, der nur schwer gelindert werden kann. Und das ein Leben lang. Nur ca. 1% der Bevölkerung nimmt sich selbst als “gespaltene Persönlichkeit”, “multiple Persönlichkeit”, beziehungsweise “mehrere Persönlichkeiten” wahr.

Im Unterschied zu einer facettenreichen Persönlichkeit (und damit einer gesunden Wahrnehmung der eigenen Person), ist es den Betroffenen nicht möglich, ein Selbst zu spüren und ein gesundes Leben zu führen.

Wie entsteht eine Dissoziativen Persönlichkeitsstörung?  

Eine Dissoziative Identitätsstörung entsteht durch schwere Traumatisierungen im Kindesalter (meist im 3.-5. Lebensjahr).

Diese Traumatisierungen sind im Kern frühe, langjährig wiederholte, extreme Stress- Erlebnisse, die durch die Konfrontation mit schwerwiegenden, oft sexuellen Gewalterfahrungen entstehen.

Sie werden durch das Gefühl mangelnder Sicherheit und Fürsorge bis zur Vernachlässigung durch Eltern oder andere Bindungspersonen geprägt. 

Jegliche frühkindliche Stresserfahrungen sind nicht gut für Säuglinge und Kinder. Normalerweise helfen enge Bindungspersonen dem Säugling oder Kind durch ihre Fürsorge dabei, diese Stresserfahrungen zu verarbeiten. Sie helfen ihm dabei, zu wachsen und alltägliche Funktionen zu "integrieren", also sie in sich zu vereinen.

Sind die Stresserfahrungen aber extrem und wird dem Kind nicht geholfen, sie zu verarbeiten, wächst die Identität von Anfang an nicht zusammen. Das Kind kann sich dann selbst nicht erfahren und beobachten und lässt sich nur auf das ein, was im Jetzt ist.

Diese dissoziativen Zustände wachsen zu einer dissoziativen Identitätsstruktur heran. Diese Struktur bleibt immer fragmentiert, also zerstückelt.

Nur eine sehr aufwendige Psychotherapie kann dabei helfen, die gespaltenen Persönlichkeitsanteile zu integrieren. 

Was bedeutet “Persönlichkeit spalten”? 

Die Unerträglichkeit von extrem traumatisierenden Ereignissen im Kindesalter führt dazu, dass Betroffene einen Teil ihrer Persönlichkeit abspalten, um das Erlebte zu ertragen.

Die Traumatisierungen dieser Kinder sind so stark, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes, eine Person alleine nicht ertragen kann.

Da das Spalten der Persönlichkeit - eine Extremform der Dissoziation- in schweren Traumatisierungen ein überlebenswichtiger Mechanismus ist, wird manchmal von einer “Dissoziativen Identitätsstruktur”, statt Identitätsstörung, gesprochen. Die Persönlichkeitsspaltung war zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben der Betroffenen also gewissermaßen das Gesündeste, was ihnen hätte passieren können

“Ohne meine multiple Persönlichkeitsstörung wäre ich tot.” - Die multiple Persönlichkeit Jessy im Interview mit FUNK

Was passiert bei einer Persönlichkeitsspaltung im Gehirn? 

Das Gehirn ist in diesen Extremsituationen in der Lage, das Ich zu spaltenStatt ein Selbst heranwachsen zu lassen, in dem die verschiedenen Anteile der Persönlichkeit (die Facetten der Persönlichkeit) integriert werden, werden viele Ichs, also mehrere Persönlichkeiten hergestellt


Was schwer nachzuvollziehen ist, konnte in MRT und EEG Bildern nachgewiesen werden. Diese bildgebenden Verfahren leisteten einen großen Beitrag beim Verständnis der Krankheit, da sie abgespaltene Persönlichkeitsanteile bildlich in einzelnen Hirnarealen darstellen können. 

Wie können Teilidentitäten aussehen? 

Traumatische Ereignisse brennen sich in das Unbewusstsein der Opfer ein. Diese Zustände, wie sie meist im Kindesalter erlebt wurden, können später durch bestimmte Auslöser (Trigger), die an die traumatische Situation erinnern, hervorgeholt werden. 


Diese “Flashbacks” entstehen auch bei anderen psychischen Erkrankungen wie einer Posttraumatischen Belastungsstörung. In milden Formen kommen sie auch bei gesunden Menschen vor. Bei betroffenen einer Dissoziativen Identitätsstörung bilden sie jedoch die Teilidentitäten


Teilidentitäten entwickeln sich über den Verlauf der Zeit aus Gefühlen, die in der traumatischen Situation wahrgenommen wurden, aber auch aus Menschen oder Anteilen anderer Menschen die von Bedeutung für die Betroffenen sind. Diese Dinge werden in abgespaltene Anteile aufgenommen und bilden verschiedene Teilidentitäten mit eigenen Vorlieben, Fähigkeiten, Erinnerungen, Verhaltensarten, und teilweise Geschlechtern. 

Eine Teilidentität eines vierjährigen Jungen, der auf eine bestimmte Weise spricht, malt oder singt und nur über ein begrenztes Wissen verfügt kann sich zum Beispiel einen Körper mit einer Teilidentität einer fünfzigjährigen Biologie-Professorin teilen, die wiederum eine eigene Mimik und Gestik hat und über bestimmtes Wissen und Fähigkeiten verfügt. 

Darüber, wie viele Teilidentitäten maximal existieren können, gibt es keine wissenschaftlich fundierten Angaben. Es gibt sowohl Berichte von nur zwei nebeneinander existieren Teilidentitäten, als auch von fünfzig. Wie stabil die einzelnen Teilidentitäten sind hängt damit zusammen, wie häufig und wann sie getriggert werden

Oft führt erst die Psychotherapie zum Erkennen weiterer Teilidentitäten, da die mit ihnen teilweise so schmerzhafte und tief vergrabene Erinnerungen verbunden sind, dass sie nur sehr selten in den Vordergrund treten. 

Dieser aus einer destruktiven, dysfunktionalen und extrem ungesunden Umgebung entstandene, lebensnotwendige Mechanismus der Persönlichkeitsspaltung wird später zu einer Qual für die einst traumatisierten Kinder. Die Dissoziative Identitätsstruktur wird zu einer Identitätsstörung, weil sie zu einer erheblichen Beeinträchtigung aller Funktionsbereiche des Lebens führt.

Wie fühlt es sich an, multipel zu sein?  

Die Dissoziative Identitätsstörung wurde in den Klassifikationssystemen psychischer Störungen lange als Multiple Persönlichkeitsstörung gelistet. Die Bezeichnung beschreibt das Erleben der Betroffenen als multiple Persönlichkeiten in einem Körper sehr treffend. Sie empfinden sich als mehrere Personen in einer, als Viele sein.

“Das ist wie als hätte man eine Kindergartengruppe. Da muss man das genauso besprechen und arrangieren wie mit mir drinnen. Ich bin nicht allein.” 
- Die multiple Persönlichkeit Jessie im Interview mit FUNK

Um genau zu sein, trifft die Formulierung eines eigenen Erlebens und Empfindens bei vielen Betroffenen nicht zu, da sie sich nicht als ein Selbst erfahren. Eine gesunde Identitätsstruktur kennt ihre inneren Anteile, weiss sie in Beziehung zu setzen, sie einzuordnen und zu beobachten. Multiple Persönlichkeiten existieren meist nur nebeneinander, unabhängig voneinander

Ist eine Teilidentität präsent, ist sie vollkommen da, nimmt das ganze psychische und physische Erleben und Verhalten des/ der Betroffenen ein. Diese Teilidentität reagiert auf ihre Weise auf die Anforderungen der Umwelt, weiss aber nicht, wer sie ist.

Wenn nun ein bestimmter Trigger auftritt, der an einen traumanahen Zustand oder ein traumanahes Gefühl erinnert, wechselt der/ die Betroffene in eine andere Teilidentität, die mit diesem Zustand umgehen kann.

So passiert es, dass Betroffene z.B. von einer Teilidentität einer erwachsenen Frau in ihre Teilidentität eines kleinen Jungen wechseln. 
In dieser Dokumentation erklärt die Multiple Jessie (25), wie sich das Leben in ihren sehr unterschiedlichen sieben Teilidentitäten anfühlt:

Während ein Anteil der Persönlichkeit präsent ist, kann er sich oft an nichts erinnern, was vor dem Auftritt dieses Persönlichkeitsanteils passiert ist. Betroffene dieser sogenannten “amnestischen Barrieren” sprechen von Zeitverlusten, wenn sie sich z.B. auf einmal an ihrem Schreibtisch bei Sonnenuntergang befinden und das letzte woran sie sich erinnern können das Aufstehen aus dem Bett gewesen ist. Eine Betroffene beschreibt das in diesem Interview

Es können Stunden, Tage, Wochen bis Monate, teilweise sogar Jahre vergehen, bis eine Teilidentität und damit die Erinnerung dieser Teilidentität wieder auftritt.

Diese Phänomene des Zeitverlustes werden Anamnestische Barrieren genannt. Bei vielen Betroffenen bekommen die Anteile bekommen ihr Handeln untereinander nicht mit.

Oft ist es erst eine Psychotherapie, die es schafft, die verschiedenen Anteile untereinander bekannt zu machen und eine kongruente Zeitwahrnehmung zu ermöglichen. 

“Sie können sagen, gestern war ich nicht gut drauf, weil das und das passiert ist, aber heute geht es mir besser. Bei mir ist es anders: Irgendjemandem ging es schlecht, und ich kann mich nicht daran erinnern.” - Die multiple Persönlichkeit Miriam im Interview mit der NZZ

Durch das Unwissen über die anderen Persönlichkeitsanteile empfinden sich viele nicht als Erkrankte einer Dissoziativen Identitätsstörung. Sie denken, sie seien nur vergesslich oder launisch und sehen keine Notwendigkeit darin, sich psychische Hilfe zu suchen.

Diagnose Dissoziative Identitätsstörung: Symptome

In der 10. Auflage des Internationalen Klassifikationssystems psychischer Krankheiten der WHO (ICD-10), wird die Multiple Persönlichkeitsstörung noch als eine der sonstigen Dissoziativen Störungen gelistet.  

In der neuen Auflage des Klassifikationssystems, dem ICD-11, taucht die Dissoziative Identitätsstörung nun eigenständig mit einer umfangreichen Symptombeschreibung auf.

Diese Anpassung wird von vielen Psycholog:innen als sehr wichtig angesehen, da das Krankheitsbild selten erkannt, diagnostiziert und damit entsprechende Therapiemöglichkeiten eingeleitet werden. 

Diese Symptome müssen bei einer Dissoziativen Identitätsstörung auftreten

  1. Identitätsstörung, die durch das Vorhandensein von zwei oder mehr unterschiedlichen Persönlichkeitszuständen (dissoziativen Identitäten) gekennzeichnet ist, die mit deutlichen Diskontinuitäten in der Wahrnehmung des Selbst und der Handlungsfähigkeit einhergehen. Jeder Persönlichkeitszustand beinhaltet sein eigenes Muster des Erlebens, der Wahrnehmung, der Vorstellung und der Beziehung zu sich selbst, dem Körper und der Umwelt.
  2. Mindestens zwei verschiedene Persönlichkeitszustände übernehmen immer wieder die Kontrolle über das Bewusstsein und die Funktionsweise des Individuums in der Interaktion mit anderen oder mit der Umwelt, z. B. bei der Ausführung bestimmter Aspekte des täglichen Lebens (z. B. Elternschaft, Arbeit) oder als Reaktion auf bestimmte Situationen (z. B. solche, die als bedrohlich empfunden werden).
  3. Veränderungen des Persönlichkeitszustands gehen mit entsprechenden Veränderungen in den Bereichen Empfindung, Wahrnehmung, Affekt, Kognition, Gedächtnis, motorische Kontrolle und Verhalten einher. Typischerweise kommt es zu Episoden von Amnesie, die mit dem normalen Vergessen unvereinbar sind und schwerwiegend sein können.

Außerdem wird angeführt, dass die Symptome zu erheblichen Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führen. 


In der Podcastfolge “Dissoziative Identitätsstörung” von “Jung und Freudlos” sprechen die Moderatoren mit einem Psychiater, der die Symptome der Erkrankung genau erklärt. 

Zwei Formen der Dissoziativen Identitätsstörung 

Eine weitere Neuerung im ICD-11 ist die Unterscheidung einer vollständigen Form einer Dissoziativen Identitätsstörung von ihrer partiellen Form. Auch das wird als wichtig anerkannt, da vor dieser Unterscheidung Betroffene oft nicht erkannt wurden und ihnen eher eine nicht näher bezeichnete dissoziative Störung diagnostiziert worden wäre. 

Vollständige Form Dissoziative Störung

Die vollständige Form der Dissoziativen Identitätsstörung enthält alle Symtome wie sie im vorherigen Punkt aufgelistet wurden. Mehrere im Alltag abwechselnd agierende Persönlichkeiten übernehmen das Bewusstsein, den Körper und die Handlungsfähigkeit vollständig und unabhängig voneinander. Zusätzlich kann es affektive Zustände und traumagebundene Teilidentitäten geben, die eine der Alltagsidentitäten in ihrer Wahrnehmung, ihrem Verhalten, ihren Handlungen und Impulsen bedrängen können. 

Bei der vollständigen Dissoziativen Identitätsstörung gibt es also kein Alltags-Ich, das die meiste Zeit vorherrschend ist und aus dem in andere Zustände geswitcht wird. Diese Menschen hatten im Laufe ihrer Entwicklung nie die Möglichkeit, ihre inneren Anteile zusammenwachsen zu lassen und erleben sich wirklich als verschiedene Personen, ohne von der Integration dieser Anteile in einem Organismus zu wissen. 

Partielle Form Dissoziative Störung

Die partielle Form der Dissoziativen Identitätsstörung ist durch nur ein stressempfängliches Alltags-Ich gekennzeichnet, das durch verschiedene Teilidentitäten abwechselnd bedrängt wird. Während das Alltags-Ich im Vordergrund steht und im Alltag agiert, sind die Teilidentitäten, massiv andere Ich-Zustände, verschieden alterstypisch und durch einen traumatischen Hintergrund geprägt.

Diese Ich-Zustände können von einem kleinen Kind über rotzig-pubertäre Zustände bis hin zu bösen inneren Täter-Abbildungen führen, die den Betroffenen dazu auffordern können, sich selbst oder anderen gegenüber Gewalt anzuwenden. 

Was eine Dissoziative Identitätsstörung nicht ist  

Bei der Diagnostik der Dissoziativen Identitätsstörung ist es wie bei jeder anderen psychischen Erkrankung wichtig nachzuweisen, dass die Symptome sich nicht besser durch eine andere psychische Störung erklären lassen.

Bei der Dissoziativen Identitätsstörung ist es vor allem eine Abgrenzung von den folgenden Störungsbildern (Differentialdiagnostik) wichtig: 

Schizophrenie

Bei einer Schizophrenie treten viele der Dissoziativen Identitätsstörung ähnliche Symptome auf, weswegen sie oft fälschlich diagnostiziert wird. Die bei einer Dissoziativen Identitätsstörung erlebte multiple Persönlichkeit wird von außen oft als Stimmenhören wahrgenommen - ein typisch Schizophrenes Symptom.

Viele Betroffene erleben ihre Handlungen kommentierende Stimmen, sie teilweise zu (mitunter schlimmen) Handlungen auffordern und in den Dialog mit den Patient:innen gehen.

Im Gegensatz zu Multiplen Persönlichkeiten erleben Schizophrenie-Patient:innen jedoch ein Identitätsgefühl, wenn auch ein kleines und zerfahrenes, was von Denkstörungen, also Wahnideen, Paranoiden Symptomen oder Halluzinationen, belastet wird.

Sowohl die Prävalenz von Schizophrenie, als auch die der Dissoziativen Identitätsstörung liegt bei ca. 1% in der Bevölkerung. Einige Forscher:innen, die sich auf die Dissoziative Identitätsstörung spezialisiert haben vermuten, dass tatsächlich ein Teil der als Schizophren Diagnostizierten eigentlich von einer Dissoziativen Identitätsstörung betroffen ist. 

Emotional instabile Persönlichkeitsstörung 

Die Erschwerung bis Unfähigkeit der Regulation und Kontrolle der eigenen Emotionen und Impulse ist ein Kernsymptom der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung - die Kategorie der Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Von Außen werden diese Patient:innen als extrem wechselhaft, impulsiv, und emotional in ihrem Ausdruck erlebt. Dieses schnelle switchen zwischen emotionalen Zuständen erinnert an das Abwechseln multipler Persönlichkeiten

Mit dem 'switchen' zwischen mehreren Persönlichkeiten geht oft ein Wechsel des emotionalen Ausdrucks einher. Zudem wissen viele Patient:innen einer Dissoziativen Identitätsstörung nicht von ihrer Aufspaltung in mehrere Persönlichkeiten und reagieren launisch und emotional gereizt bis überfordert wenn sie mit eigenen Handlungen konfrontiert werden an die sie sich partout nicht erinnern können. 

Das innere Erleben der Patient:innen unterscheidet sich jedoch immens. In der Diagnostik ist es deshalb sehr wichtig, vor allem Lebensgeschichtliche Ereignisse zu erkunden um Erinnerungslücken und die Schwere und den Zeitpunkt traumatisierender Erfahrungen herauszufinden.

Sehr oft erlitten auch Betroffene einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung Traumata. Die unterscheiden sich aber stark in der Schwere und Komplexität von den erfahrenen Traumata einer multiplen Persönlichkeit.

Andere Erkrankungen

  • andere psychotische Störungen
  • Substanzwirkung (Drogen) auf das zentrale Nervensystem  
  • Erkrankung des Nervensystems
  • Schlaf-Wach-Störung 

Alle diese Störungen können zu einem ähnlich beobachtbaren Erleben der Menschen führen. Die Differentialdiagnostik ist wichtig, da mit einer Diagnose immer auch ein bestimmtes Behandlungsprogramm einhergeht.

Zum Beispiel ist die Behandlungsleitlinie für eine Schizophrenie eine andere als die Behandlung einer Multiplen Persönlichkeit. 

Eine multiple Persönlichkeit tritt gleichzeitig mit anderen Störungen auf

Neben der Abgrenzung von Störungsbildern ist ein weiterer wichtiger Bestandteil der Diagnostik das Erkennen von Komorbiditäten, also das gleichzeitige Auftreten mehrerer Erkrankungen.

Die Dissoziative Identitätsstörung tritt meist mit diesen Störungen auf:

Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS)

Viele Studien belegten, dass über 90% der Betroffenen einer Dissoziativen Identitätsstörung Fälle frühkindlicher traumatischer Erfahrungen in Form schwerer Vernachlässigung, körperlicher, sexueller und emotionaler Gewalt vorliegen. 

Eine Dissoziative Identitätsstörung ist deshalb meist mit einer komplexen PTBS verbunden. Was beide Krankheitsbilder verbindet ist neben dem auftreten einer schweren Traumatisierung das Erleben von schweren Dissoziationen, Entfremdungserlebnissen, Bindungsstörungen, psychosomatische Beschwerden, ein Mangel an Selbstschutz und Selbstgefühl und eine Impulskontrollstörung. 

Bis vor Kurzem wurden beide Krankheitsbilder deshalb unter der gleichen Kategorie der Belastungsstörungen gefasst. Die Dissoziativen Zustände bei einer Dissoziativen Identitätsstörung sind jedoch schwerwiegender.

Dissoziation

Genau genommen ist die Dissoziation kein Krankheitsbild, sondern ein Symptom vieler Krankheitsbilder, die mit Traumatisierungen verbunden sind. Als Gegensatz zur Assoziation (“Verbinden”), beschreibt die Dissoziation das Auseinanderfallen von psychischen Funktionen. Was dramatisch klingt, passiert uns alltäglich, wenn wir zum Beispiel Tagträume haben oder uns an bestimmte Dinge wie, ob wir den Herd ausgemacht haben nicht mehr erinnern können, weil wir unsere Aufmerksamkeit nicht gezielt darauf gerichtet haben. 

Dieses Gefühl des “Neben sich Stehens”, sich nicht im Kontakt mit sich selbst Fühlens kann jedoch schwere Formen annehmen. Es kann so weit gehen, dass das Bewusstsein und andere psychische Funktionen wie das Gedächtnis, Identität und Eigen- und Umweltwahrnehmung regelrecht fragmentiert und desintegriert werden

Als Derealisation (Störung der Umgebungswahrnehmung) und Depersonalisation (Störung der Selbst- und Körperwahrnehmung) treten sie bei vielen psychischen Störungen auf (z.B. bei Belastungsreaktionen wie Angst- und Panikzuständen, Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen). 

Dissoziative Zustände können von Amnesie (Dinge nicht erinnern können), Depersonalisation und Derealisation über Identitätsunsicherheit bis Identitätswechsel reichen. Haben sie einen sehr hohen Schweregrad können sie eine eigenständige Störung sein und möglicherweise – insbesondere bei Therapieresistenz – auf eine Dissoziative Identitätsstörung hinweisen.

Diese krankhaften, pathologischen Dissoziationen sind als posttraumatische Bewältigungsreaktionen zu sehen. Das oben beschriebene Abspalten von Persönlichkeitsanteilen ist eine Dissoziation. Überwältigende traumatische Erfahrungen werden aus dem Bewusstsein ferngehalten, abgespalten um der Person das weitere Funktionieren und Überleben zu ermöglichen. 

In traumatisierenden Situationen dissoziieren Kinder als Reaktion auf unerträglichen Stress. Wird man früh, wiederholt und langjährig diesen extremen Stresserfahrungen ausgesetzt, gehen diese Dissoziationserfahrungen in die Struktur der Persönlichkeit über und eine Dissoziative Identitätsstruktur entsteht. Später dissoziieren Traumatisierte, wenn Trigger sie an die traumatische Situation erinnern.

Psychotherapie für multiple Persönlichkeiten 

Es wird ersichtlich, wie komplex und schwerwiegend das Störungsbild der Dissoziativen Identitätsstörung ist. Ebenso komplex ist die Psychotherapie der Erkrankung. 

Michaela Huber ist eine Psychotherapeutin und Spezialistin auf dem Gebiet der Dissoziativen Identitätsstörung. In einem sehr umfassenden Interview mit der Zeit hat sie unter anderem ihre Erfahrungen in der Therapie mit Multiplen Persönlichkeiten geteilt. 

Wie schon durchscheint, wissen viele Betroffene nichts von ihrer Multiplen Persönlichkeit. Sie denken sie seien vergesslich.Andere Betroffene wiederum suchen sich keine Hilfe, weil sie bei der Schwere ihrer Symptome nicht wissen, ob es überhaupt eine Therapie für sie gibt

Leider wird die Dissoziative Identitätsstörung in der Wissenschaft und dadurch auch in der Ausbildung von Psychotherapeut:innen nicht viel behandelt. Deshalb sind tatsächlich nicht viele Therapeut:innen auf die Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung spezialisiert. Und diese Spezialisierung braucht es, um der Komplexität der Erkrankung gewachsen zu sein. 

Vor Therapeut:innen sitzen Menschen mit extremen Bindungstraumatisierungen, die sich auch in der Psychotherapie niederschlagen. Das extreme Misstrauen hinter den Fassaden der Patient:innen trifft auch den/die Therapeut:in und kann den Therapieprozess extrem erschweren

Als Traumafolgestörung folgt die Therapie der Dissoziativen Identitätsstörung dem Prinzip Stabilisieren, Prozessieren, Integrieren und gegebenenfalls Wieder-Anknüpfen.

Das Therapieziel ist am Ende immer, eine Integration der verschiedenen Persönlichkeitsanteile herzustellen. Auch, wenn das leider fast nie gelingt, erreicht man manchmal wenigstens die Möglichkeit der Koordination und Kommunikation der Persönlichkeiten untereinander

Wie kann es in unserer Gesellschaft zu so einer Störung kommen?

Man mag sich nicht vorstellen, was Menschen mit einer Dissoziativen Identitätsstörung erlebt haben müssen. Doch genau das müssen wir wahrscheinlich, um uns darüber Bewusst zu werden, was für Grausamkeiten in der Mitte unserer Gesellschaft passieren, um einen Eindruck davon zu haben was passieren muss, dass die Psyche eines Menschen als einzigen Ausweg vor dem Tod die Spaltung in mehrere Anteile ansieht.

Die Forschung sieht einen breiten Nährboden für Persönlichkeitsspaltungen vor allem in der ritualisierten Gewalt und der organisierten sexuellen Kriminalität. Die organisierte Kriminalität rund um die Herstellung von Kinderpronografie ist wohl eine der wichtigsten Umstände für das Entstehen solch komplexer Traumatisierungen von Kindern. Die Täter trainieren Kinder regelrecht zur Dissoziation, damit sie die grausamen Taten an sich anrichten lassen. 

Eine Dokumentation des Hessischen Rundfunks geht der ritualisierten Gewalt als Ursache für Persönlichkeitsspaltungen auf die Spur. 


Im späteren Lebensverlauf, wenn den Opfern oft durch eine Psychotherapie bewusst wird, was Ihnen widerfahren ist, suchen einige nach rechtlicher Unterstützung. Leider sind die Opfer-Bezeugungen oft unbrauchbar vor Gericht, da die Aussagen (der multiplen Personen) sich widersprechen

Ein weiteres Problem ist, dass Psychotherapeutische Unterstützung vor Gericht oft als Beeinflussung oder Verzerrung der Ereignisse angesehen wird. Man geht davon aus, dass der Therapeut durch die Alleinige Sichtweise des Opfers parteiisch ist. 

Obwohl das in manchen Fällen stimmen mag, ist im Falle der Dissoziativen Identitätsstörung die Therapie das einzige Mittel, ein überhaupt einheitliches Bild der Ereignisse herzustellen. Und es ist ein sehr großer Erfolg, wenn das möglich wird. 


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Quellenangaben

  1. Brunner, R. M.: Dissoziative und Konversionsstörungen, Springer Verlag, 1. Auflage, 2012
  2. Dilling, H. & Freyberger, H.J.: Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen, Hogrefe Verlag, 9. Auflage, 2019
  3. Gast, U. et al.: Diagnostik und Therapie Dissoziativer (Identitäts-) Störungen in: Psychotherapeut 46.5 (2001): 289-300

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