Zurück 16 Mar 2022 · 8 min lesezeit
von Julia Klinkusch

Das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, etwas nicht bekommen zu haben, was einem nach eigener Ansicht zusteht, wachsender Groll und eine negative Lebenseinstellung: Menschen, die so empfinden, sind verbittert. Den eigenen Stolz besiegen – das fällt nicht leicht. Es ist jedoch möglich, das negative Gefühl zu überwinden.

Wer an Verbitterung (nicht: Verbittertheit) denkt, denkt oft an verbitterte alte Menschen, die allein und misanthropisch veranlagt sind. Vermeintlich sind ältere Menschen häufiger verbittert als junge, letzten Endes macht dieses Gefühl jedoch vor keinem Alter halt. Denn Verbitterung entsteht nach Kränkungen oder einschneidenden Erlebnissen. Häufig ist sie nach privaten oder beruflichen Konflikten zu beobachten. Aber auch eine schwere Erkrankung oder ein lebensverändernder Unfall können verbittert, mürrisch machen.

Eines der bekanntesten Beispiele für Verbitterung findet sich in der Literatur, mit Herman Melvilles Kapitän Ahab aus dem Roman „Moby Dick“. In seiner fanatischen Verbitterung hat dieser nur ein Ziel: Rache zu nehmen an dem Wal Moby Dick, durch den er sein Bein verloren hat. Solche Extreme der Verbitterung wie in dieser Erzählung kommen im normalen Alltag natürlich nur selten vor. Doch bei jedem Betroffenen kann das Gefühl der Verbitterung lebensbeherrschend werden.

Woran erkennt man verbitterte Menschen? Charakter und Wesen unterscheiden sich nicht unbedingt von denen anderer Personen. Bei Betroffenen sind ihre eigentlichen Wesenszüge hinter der Verbitterung verschwunden. Durch das entsprechende Erlebnis durchdringt die Verbitterung alle Lebensbereiche, sodass man kaum mehr Freude am Leben hat. Falls du merkst, dass negative Gefühle den größten Teil des Lebens einnehmen und du dauerhaft eine innere Verbitterung verspürst, solltest du dir Hilfe suchen. Denn ansonsten kann aus der Verbitterung auch eine posttraumatische Verbitterungsstörung werden. Je nach Härte des einschneidenden Erlebnisses kann sie auch direkt auftreten, die posttraumatische Verbitterungsstörung. Trennung oder Tod von geliebten Menschen können mitunter so einschneidend sein, dass sie direkt zur krankhaften Form der Verbitterung führen.

Verbittert: Definition und Bedeutung

Was bedeutet verbittert? Bedeutung und Definition sind in diesem Bereich nicht ganz klar, anders als bei der posttraumatischen Verbitterungsstörung, die tatsächlich als psychische Erkrankung aus der Gruppe der Anpassungsstörungen definiert ist. Verbitterte Menschen befinden sich in einem krankhaften emotionalen Zustand. Die Verbitterung wird von Expert:innen als eine sich selbst verstärkende „masochistische Anpassungsreaktion“ bezeichnet, die Betroffenen das Gefühl von Kontrolle gibt – dafür nehmen sie selbstzerstörerisches Verhalten in Kauf.

Bitter, verbittert sein, das ist die Reaktion auf eine emotionale Erfahrung. Während manche Menschen Rückschläge problemlos wegstecken, können andere mit negativen Erlebnissen nicht umgehen. Es fehlt ihnen an Resilienz, also psychischer Widerstandsfähigkeit. Sie reagieren stattdessen mit Rückzug, Abkapselung und verbittert sein.

Zu den häufigsten Erlebnissen als Auslöser für Verbitterung gehören:

  • Todesfall in der Familie oder im engen Freundeskreis
  • Eheprobleme
  • schwere Krankheit oder Unfall
  • Opfer von Kriminalität (Überfall, Vergewaltigung)
  • Arbeitslosigkeit
  • Scheidung
  • Probleme mit den Kindern (verbitterte Mutter und/oder Vater)

Ein verbitterter Mensch sieht sich selbst als Opfer. Jedes weitere negative Erlebnis bestätigt ihn in seiner Haltung. Wichtig zu wissen: Diese Empfindungen sind subjektiv. Betroffene haben beispielsweise das Gefühl, um etwas betrogen worden zu sein, das ihnen in ihren Augen zusteht. Hinzu kommt ein Ohnmachtsgefühl, dieses Unrecht nicht verhindern zu können oder verhindert zu haben. Besonders intensiv spüren Betroffene die Verbitterung, wenn die schmerzlichen Erlebnisse in Bereichen auftreten, die ihnen besonders viel bedeuten. In einigen Fällen reagieren Verbitterte auch mit Wut auf Menschen, denen es vermeintlich besser geht als ihnen selbst. Positive Gefühle lassen sie nicht mehr zu.

Warum sind alte Menschen so verbittert?

Verbitterung im Alter scheint deutlich häufiger vorzukommen. Das ist in Zahlen in dieser Form nicht belegbar. Allerdings gibt es einige Umstände, die eine mögliche Häufung erklären könnten. So sind schwere Erkrankungen, etwa Parkinson oder Arthrose, schon aufgrund des Alters häufiger. Das ist ein starker Einschnitt und beschränkt unter Umständen die bislang noch vorhandene Selbstständigkeit älterer Menschen, was zu Verbitterung führen kann.

Im Alter muss jedoch genauer differenziert werden: Ein Persönlichkeitswandel, der zu Boshaftigkeit oder Aggressivität führt, kann auch durch eine Demenz ausgelöst werden. Manchmal steckt hinter einer Aggression im Alter auch gar keine Krankheit, sondern schlicht Hilflosigkeit und Wut darüber, von anderen abhängig zu sein.

Verbitterte Männer gibt es übrigens nicht öfter als verbitterte Frauen. Ein verbitterter Mann zeigt das häufig nur anders. Männer neigen bei Verbitterung deutlich öfter als Frauen zu einem missbräuchlichen Alkohol- und/oder Drogenkonsum.

Verbitterungsstörung: Symptome

Woran erkennt man Verbitterung? Symptome sind vor allem psychischer Natur. Dazu gehören:

  • Verzweiflung
  • Aggression
  • Gefühl von Machtlosigkeit
  • Kappen sozialer Kontakte
  • Hoffnungslosigkeit

Hinweis: Kein Symptom der Verbitterungsstörung, sondern eine eigenständige Krankheit ist der Narzissmus. Verbitterung kann jedoch bei narzisstischen Menschen öfter auftreten. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung tritt nicht selten mit anderen Störungsbildern auf. Darüber hinaus gilt auch bei der posttraumatischen Verbitterungsstörung: Symptome, gerade frühe, ähneln denen der Verbitterung.

Verbitterungsstörung: körperliche Symptome

Einhergehend mit den überwiegend psychischen Symptomen können sich körperliche Symptome einer Verbitterung entwickeln. Dazu zählen unter anderem:

  • Schlafstörungen
  • Appetitlosigkeit
  • unspezifische Schmerzzustände

Wann wird aus Verbitterung eine Verbitterungsstörung?

Was ist eine Verbitterungsstörung? Zwischen Verbitterung und Posttraumatischer Verbitterungsstörung gibt es deutliche Unterschiede. Die Posttraumatische Verbitterungsstörung (Posttraumatic Embitterment Disorder = PTED) ist die krankhafte Form der Verbitterung. Normale Verbitterung empfindet jeder Mensch einmal, ähnlich wie Angst. Die Posttraumatische Verbitterungsstörung (im ICD-10 unter „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“  eingeordnet) ist hingegen eine Erkrankung. Krank durch Verbitterung – das gibt es also tatsächlich. Aber wie diagnostizieren Ärzte:innen eine posttraumatische Verbitterungsstörung? Kriterien sind unter anderem:

  • Die psychische Störung entwickelt sich direkt infolge eines einmaligen, negativen Lebensereignisses.
  • Das Ereignis wird als ungerecht oder herabwürdigend empfunden.
  • Bei der Erinnerung an das Ereignis reagieren Patient:innen verbittert oder emotional erregt.
  • Patient:innen wollen nicht vergessen – sie erinnern sich immer wieder an das Ereignis.
  • Betroffene sehen sich selbst als Opfer.
  • Patient:innen zeigen bei Verbitterung die Unfähigkeit, zu vergeben.
  • Bei Betroffenen können Phobien auftreten, die mit Ort oder Personen des auslösenden Ereignisses verbunden sind.
  • Patient:innen neigen zum Grübeln oder Querulantenwahn.
  • Menschen mit PTED äußern häufig auch Suizidgedanken.

Man geht davon aus, dass zwei bis drei Prozent der Bevölkerung von einer PTED betroffen sind. Die Zahlen können sich erhöhen, wenn größere Menschengruppen gleichermaßen einem einschneidenden Erlebnis ausgesetzt sind. Das ließ sich etwa nach der deutschen Wiedervereinigung beobachten. 

Hinweis: Abgegrenzt werden muss die PTED von der PTBS, also der Posttraumatischen Belastungsstörung. Letztere gehört zu den Angststörungen. Auslöser ist zwar ebenfalls ein einschneidendes Erlebnis, dieses ist jedoch oft lebensbedrohend oder Panik auslösend. Die PTBS ist häufig durch sogenannte Flashbacks sowie Wahnvorstellungen gekennzeichnet.

Verbitterungsstörung: Kindheit als Ursache?

Eine Verbitterungsstörung entsteht selten bereits im Kindesalter, aber bestimmte Einflüsse in jungen Jahren können die Prävalenz für eine Verbitterungsstörung im Alter erhöhen. So waren viele Betroffene in ihrer Kindheit einem starken Druck von Normen und Werten ausgesetzt – entweder durch die Eltern oder aber durch das soziale Umfeld. Sie mussten in der Kindheit viele Regeln einhalten und Pflichten erfüllen. Dieses Verhalten wird ins Erwachsenenalter übernommen. Das funktioniert so lange, bis ein einschneidendes Erlebnis dieses starre Korsett aufbricht.

Posttraumatische Verbitterungsstörung: Therapie möglich?

Wege aus der Verbitterungsstörung gibt es. Einer der Ansätze ist die sogenannte Weisheitstherapie. Posttraumatische Verbitterungsstörung kann demnach durch das Erlernen einer umfassenden verhaltenstherapeutischen Technik therapiert werden. 
Wie genau hilft die Weisheitstherapie? Verbitterungsstörung geht mit Rückzug, der selbst gewählten Opferrolle und Kränkungsgefühlen einher. Bei der (chronischen) Verbitterungsstörung soll die Weisheitstherapie

  • emotionale Kompetenzen verbessern,
  • zu einem Perspektivenwechsel befähigen,
  • helfen, sinnstiftende Perspektiven zu finden.

Verbitterungsstörung: Medikamente zur Behandlung?

Eine Kognitive Verhaltenstherapie wie die Weisheitstherapie ist das Mittel der Wahl bei der posttraumatischen Verbitterungsstörung. Behandlung mit Medikamenten gehört nicht zum Standard. Darüber muss im Einzelfall von den behandelnden Ärzt:innen entschieden werden.

Verbitterung überwinden

Neben der posttraumatischen Verbitterungsstörung gibt es immer noch die normale Verbitterung, gegen die Betroffene etwas tun können. Es gibt Wege aus der Verbitterung. Die Verbitterung loswerden – dafür gibt es mehrere Ansätze. Dazu zählen beispielsweise:

  • Entspannungstherapien wie Yoga, Autogenes Training oder auch Waldbaden
  • auf andere zugehen, um dauerhafte Isolation zu vermeiden
  • sich die eigenen Stärken bewusst machen

Bewegung erhöht die Widerstandsfähigkeit, da die Ausschüttung von Stresshormonen reduziert wird

Hinweis: Wenn der Alltag durch die Verbitterung spürbar eingeschränkt wird und soziale Kontakte unter den negativen Gefühlen leiden, sollten sich Betroffene Hilfe holen.

Verbitterungsstörung: Hilfe und Tipps für Angehörige

Wie sollte der Umgang mit verbitterten Menschen aussehen oder allgemein mit Verbitterungsstörung? Angehörige haben damit oft Schwierigkeiten. Was macht man mit verbitterten Menschen? Wie umgehen mit ihrem Verhalten und möglichen Eigenarten? Ob verbittert nach Trennung oder dem Tod eines geliebten Menschen – mit posttraumatischer Verbitterung umzugehen, ist für Angehörige nicht einfach. Das größte Problem: Verbitterte Menschen stoßen gerade diejenigen vor den Kopf, die ihnen eigentlich helfen wollen. Diskutieren hilft dann nicht. Eine Chance besteht darin, Betroffenen zu vermitteln, dass man sie unterstützen will, auch wenn man ihre Sicht der Dinge nicht teilt. Ist die Verbitterung sehr belastend, sollten Angehörige die Betroffenen dazu ermuntern, Therapeut:innen aufzusuchen.

Bin ich verbittert? – Test zur Selbstdiagnose?

Bin ich verbittert? Oder auch: Warum bin ich verbittert? Diese Frage werden sich Menschen stellen, die einige der genannten Symptome an sich feststellen. Aber wie erkennt man eine Posttraumatische Verbitterungsstörung? Selbsttests sind keine sichere Möglichkeit. Wer (körperliche) Symptome einer Verbitterungsstörung an sich erkennt, sollte für die konkrete Diagnose medizinische oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.

Ein Artikel von

Julia Klinkusch Medizinredakteurin

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Quellenangaben

  1. Linden, M. (2017). Fortschritte der Psychotherapie. Band 65. Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung. Hogrefe
  2. Baumann, K.m & Linden, M. (2008). Weisheitskompetenzen und Weisheitstherapie – Die Bewältigung von Lebensbelastungen und Anpassungsstörungen. Pabst Science Publishers.
  3. Bundesministerium für Bildung und Forschung (o. D.): Viele Erkrankungen werden mit dem Alter häufig. https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/viele-erkrankungen-werden-mit-dem-alter-haufig-6786.php
  4. Christ, C. et al. (2013): Männerwelten. Männer in Psychotherapie und Beratung. Schattauer.
  5. Neurologen und Psychiater im Netz (2021, 1. Juli). Verbitterung kann chronisch verlaufen und Krankheitswert haben. https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/ratgeber-archiv/artikel/verbitterung-kann-chronisch-verlaufen-und-krankheitswert-haben
  6. Neurologen und Psychiater im Netz (2018, 9. Januar). Narzisstische Persönlichkeitsstörung oft kombiniert mit weiteren Störungsbildern. https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/ratgeber-archiv/artikel/narzisstische-persoenlichkeitsstoerung-oft-kombiniert-mit-weiteren-stoerungsbildern
  7. Charité Universitätsmedizin Berlin / Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik (o. D.). Verbitterung und Posttraumatische Verbitterungsstörung (PTED). https://psychosomatik.charite.de/forschung/forschungsgruppe_psychosomatische_rehabilitation_fpr/verbitterung_und_posttraumatische_verbitterungsstoerung_pted/
  8. Linden, M. (o. D.). Posttraumatische Verbitterungsstörung (Posttraumatic Embitterment Disorder, PTED). https://medizinwelt.elsevier.de/psychiatrie/psychische-erkrankungen/zusatzinhalte/ergaenzende_kapitel/posttraumatische_verbitterungsstoerung_(posttraumatic_embitterment_disorder_pted)
  9. Ärzteblatt (2005, Juni): Verbitterungsstörung: Wissenschaftliche Neuentwicklung. https://www.aerzteblatt.de/archiv/47241/Verbitterungsstoerung-Wissenschaftliche-Neuentwicklung

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