Zurück 08 Feb 2022 · 8 min lesezeit
von Felicitas Eva Lindner

Einen Menschen loslassen, den man liebt, die Vergangenheit loslassen, eine Beziehung loslassen, Schuldgefühle loslassen, Ängste loslassen, Kinder loslassen, eine*n Ex loslassen, eine toxische Beziehung loslassen, Sorgen loslassen, unerwiderte Liebe loslassen. Loslassen kann man Vieles, wenn es denn so einfach wäre.

Warum loslassen so schwer ist

Vielen Menschen fällt es schwer, Dinge loszulassen. Das ist ganz normal und geht den meisten so. Menschen, Gedanken, Gefühle die wir schon kennen, fühlen sich vertraut an. Diese Vertrautheit bietet uns vermeintliche Sicherheit. Loslassen bedeutet auch immer, über den eigenen Schatten springen zu müssen. Die Komfortzone zu verlassen. Das kann sich erst einmal unangenehm anfühlen, Angst machen. Selbst wenn man sich einen Neuanfang wünscht geht damit immer auch ein gewisses Risiko einher. In manchen Situationen kann das Festhalten sogar das Überleben sichern: Der Klammerreflex, den Babys oder auch junge Koalas und andere Tiere haben, dient vermutlich dazu, dass sich kleine Kinder und Jungtiere an ihren Müttern festklammern und so Gefahren vermeiden können.

Eine Umfrage von Civey, einem Meinungsforschungsinstitut, hat ergeben, dass es rund 50 % der Menschen in Deutschland schwer fällt, sich aus Beziehungen oder einem Job zu lösen. Gegenstände loszulassen fällt rund 33 % der befragten Personen schwer.

Frühe Erfahrungen prägen die Fähigkeit, loszulassen

Oft braucht es viel Kraft zum Loslassen. Doch warum fällt es manchen Menschen nun leichter, Menschen, Träume oder Dinge loszulassen, als anderen?

Einen Einfluss auf die Fähigkeit, loszulassen, kann zum Beispiel der Bindungstyp haben. Bindungstypen beschreiben das Bindungsverhalten und werden durch Erfahrungen und die Beziehungen zu frühen engen Bezugspersonen beeinflusst. Wenn Kinder positive Bindungserfahrungen hatten, die gleichermaßen aus Zuwendung und Sicherheit sowie Ermutigung zum Ausprobieren enthielten, neigen sie auch als Erwachsene dazu, einen sicheren Bindungsstil zu entwickeln. Sie können sich auf Beziehungen einlassen, haben aber auch keine Angst davor, sich aus ihnen zu lösen, wenn sie sich nicht mehr richtig anfühlen. Kinder die schon früh unsichere Beziehungen erlebt haben, immer wieder mit Zurückweisungen, Ambivalenz oder vielleicht auch Gewalt konfrontiert haben, haben zum Teil Schwierigkeiten sich zu binden, ebenso aber, Beziehungen zu beenden und loszulassen.

Je nach im Laufe des Lebens gemachten Erfahrungen, mit Hilfe von Therapie oder Coaching können sich Bindungsstile aber auch beeinflussen lassen und sind veränderbar. Mehr zum Thema Bindungstypen findest du in unserem Artikel zum Thema Bindungsangst.

Eine andere Theorie, die nichts mit Bindungstypen zu tun hat, sucht nach dem Grund für ein bestimmtes Verhalten, in diesem Fall also für das Festhalten. Vielleicht ist eine Beziehung oder eine Gewohnheit ein Ventil für etwas anderes. Es kann zum Beispiel sein, dass ein*e Partner*in dabei hilft, sich nicht mit negativen Gefühlen auseinandersetzen zu müssen und ablenkt. Oder eine lästige Gewohnheit hilft dabei, Stress zu reduzieren. In diesen Fällen ist es sinnvoll, erst einmal dem jeweiligen Grund nachzugehen und daran zu arbeiten, bevor man sich im Loslassen übt.

Loslassen, was uns nicht gut tut

Jemanden loslassen den man liebt oder den Gedanken an die Liebe loslassen - das fällt den meisten Menschen am schwersten. Auch wenn es sich im ersten Moment oft nicht so anfühlt, etwas loslassen was man liebt kann oft sehr befreiend und die richtige Entscheidung sein. Doch wie merkt man eigentlich, dass einem etwas nicht mehr gut tut, dass man Veränderung braucht, dass man einen vielleicht toxischen Menschen loslassen sollte?

  • Falsche Hoffnungen

Dieser Part ist vermutlich der schwierigste, aber um loslassen zu können und vor allem um zu wissen, wann der Zeitpunkt zum Loslassen gekommen ist, muss man ehrlich zu sich selbst sein. Egal ob es sich um deinen Traumjob oder eine Beziehung handelt, versuch realistisch zu bleiben. Natürlich sind Optimismus und Selbstvertrauen wichtig, doch wenn du merkst, dass deine Bemühungen, so groß sie auch sein mögen, nicht auf Anklang stoßen, ist es auch wichtig Dinge ziehen zu lassen.

  • Mehr Kosten als Nutzen

Oftmals stecken wir so viel Energie, Liebe und Träume in etwas, was wir uns sehr wünschen, dass wir irgendwann gar nicht mehr merken, wenn wir nichts mehr zurückbekommen. Wenn du merkst, dass du mehr Energie oder Arbeit in eine Beziehung, einen Traum, einen Job steckst, als du an positivem Output zurückbekommst, ist es vielleicht an der Zeit zu überdenken, ob du das auch in Zukunft noch so tun möchtest.

  • Macht es dich glücklich?

Manchmal muss man loslassen was nicht glücklich macht. Stell dir bei allem was du tust regelmäßig die Frage, ob es dich glücklich macht. Beantworte sie ehrlich. Es ist nicht schlimm, wenn sich deine Gefühle verändern oder dir etwas nicht mehr so viel Spaß macht, wie es vielleicht einmal der Fall war. Frage dich, warum du etwas tust, was die Motivation dahinter ist.

Was man alles loslassen kann

Wenn es an der Zeit ist, kann sich Loslassen bei vielen Dingen sehr befreiend anfühlen. Aber es ist nicht immer unbedingt auf den ersten Blick sichtbar, was man tatsächlich alles loslassen. Wir haben dir eine Liste zusammengestellt, die du einmal durchgehen und nach den oben genannten Punkten bewerten kannst.

  • depressiven Partner loslassen
  • erwachsene Kinder loslassen
  • Gedanken loslassen
  • Ex-Partner loslassen
  • Menschen loslassen
  • Affäre loslassen
  • negative Menschen loslassen
  • Bindungsangst Partner loslassen
  • Mutter-Sohn-Beziehung loslassen
  • unerfüllte Liebe loslassen, einseitige Liebe loslassen
  • Ängste überwinden und loslassen
  • Freundschaft plus loslassen
  • Loslassen nach Trennung
  • Erwartungen loslassen
  • Freundschaft loslassen
  • Kinderwunsch loslassen
  • Menschen, die einem nicht gut tun, loslassen

Wie lerne ich, loszulassen

Lernen loszulassen kann funktionieren. Vielen Menschen fällt das Loslassen zunächst schwer oder ihnen fehlt die Kraft zum Loslassen. Nicht loslassen zu können ist aber nicht zwangsläufig ein Grund zur Sorge. Mit den folgenden Tipps fällt es dir vielleicht ein wenig leichter. 

Tipps, wie du loslassen kannst

  • Konsequenzen verschriftlichen

Überlege dir, welche negativen Konsequenzen es mit sich bringen kann, wenn du an etwas festhältst, was dir nicht gut tut. Wenn du Schwierigkeiten damit hast, eine vergangene Beziehung loszulassen, überlege dir, welche Gründe die Trennung hatte. Warum ist die Beziehung auseinandergegangen? Wir neigen nach einer Trennung oft dazu, die negativen Aspekte einer Beziehung auszublenden und nur das zu sehen, was schön war. Am besten funktioniert das, wenn du die Dinge aufschreibst.

  • Ängste reflektieren

Wovor hast du in diesem Zusammenhang Angst? Ist es eine ganz bestimmte Konsequenz, die du befürchtest, oder ist deine Angst eher unspezifisch und allgemein? Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Konsequenzen wirklich eintreten? Auch hier gilt: Schreibe deine Gedanken auf. Oftmals wird durch das Aufschreiben erst deutlich, dass deine Befürchtungen unbegründet sind.

  • Fokus auf positive Folgen

Welche positiven Folgen könnte das Loslassen haben? Auf dein persönliches Wohlbefinden, dein Weiterkommen im Leben, deine Zukunft? Vielleicht fällt es dir zunächst schwer, diesen positiven Aspekten Raum zu geben. Doch wenn du sie schließlich den negativen gegenüber stellst, können sie eine echte Motivation darstellen, loszulassen.

  • Akzeptanz

Das Akzeptieren von Dingen, auf die wir keinen Einfluss haben, ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Prozesses des Loslassens. Wir können nicht alle Geschehnisse im Leben kontrollieren, aber was wir kontrollieren, ist wie wir mit ihnen umgehen. Natürlich ist das nicht immer gleich leicht und wird dir mal besser und mal schlechter gelingen. Aber mit der Zeit wirst du merken, je mehr du versuchst Akzeptanz in deinen Alltag zu integrieren, desto öfter und nachhaltiger wird es dir in Zukunft gelingen.

  • Vertrau dich jemandem an

Wenn du merkst, dass du im Prozess des Loslassens nicht weiterkommst, such dir Unterstützung. Das kann eine dir vertraute Person sein, oder vielleicht auch jemand, der oder die dir professionelle Unterstützung anbieten kann.

  • Ausmisten

Hin und wieder auszumisten kann sich sehr befreiend anfühlen. Den Kleiderschrank, die Speisekammer, das Wohnzimmer. So hast du nicht nur mehr Platz in deiner Wohnung, sondern kannst auch lernen, was du in Ruhe ziehen lassen kannst. So bist du besser darauf vorbereitet, wenn du merkst, dass es an der Zeit ist einen Menschen oder vielleicht einen Job loszulassen.

  • Rituale

Es gibt einige Rituale, die zum Loslassen praktiziert werden können. Insbesondere für Übergangsrituale oder Trennungen gibt es besondere Rituale wie zum Beispiel verbrennen oder vergraben von auf Papier geschriebenen Worten.

Meditation: Loslassen und einschlafen

Ein weit verbreitetes Problem im Zusammenhang mit dem Loslassen kann auch das Einschlafen sein. Betroffene leiden oft unter immer wiederkehrenden und kreisenden Gedanken, die sie nicht abschalten können und die dadurch das Einschlafen erschweren. Oftmals stellen sie sich dann die Frage: Wie kann ich loslassen? Um das Gedankenkarussell besser abschalten zu können, eignet sich eine geleitete Meditation zum Einschlafen und Loslassen oder auch einfach entspannende Meditationsmusik. Loslassen wird so leichter und das Einschlafen gelingt besser. 

Exkurs: Wenn Sterbende nicht loslassen können

Wenn Menschen sterben, ist das Thema des Loslassens nicht nur für Angehörige und Hinterbliebene relevant. Auch für Sterbende ist das Loslassen wichtig. Eine Studie, die in der Zeitschrift für Palliativmedizin veröffentlicht wurde zeigt jedoch, dass das nicht für alle Sterbenden gleichermaßen gilt. Die Studie besagt, dass dem Akzeptieren oder auch dem Nichtakzeptieren des Sterbens verschiedene Werthaltungen zugrunde liegen. Diese können sich immer wieder verändern und beide Haltungen stellen eine Auseinandersetzung mit dem Tod dar. Wenn Sterbende nicht loslassen können, heißt das nicht, dass es für sie oder Angehörige kein friedlicher Tod und Abschied sein kann. Sterben ist für jede*n anders und ein sehr individueller Prozess. Für die sterbende Person genauso wie für Hinterbliebene. 

Psychische Störung: Nicht loslassen können?

Hast du oft den Gedanken: “Warum kann ich nicht loslassen” und hast Angst, dass etwas mit dir nicht stimmt? Dieser Gedanke ist nachvollziehbar, aber diese Sorge ist völlig unbegründet. Kämpfen oder Loslassen, diese Entscheidung ist nicht immer einfach zu treffen. Manchmal ist es besser loszulassen, aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass es sich um eine psychische Beeinträchtigung handelt, wenn dir das schwer fällt. Jedoch kann es umgekehrt passieren, dass das Festhalten an Menschen, Dingen, Ängsten und Sorgen dazu führt, dass deine psychische Gesundheit darunter leidet. 

Es ist wichtig zu verstehen, dass eine ernsthafte psychische Erkrankung einer Therapie und professioneller Hilfe bedarf. Die Online-Kurse von Selfapy können ein erster Schritt in diese Richtung sein.

Ein Artikel von

Felicitas Eva Lindner Redakteurin · Journalismus (M.A.), Psychologie (B.Sc.)

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Quellenangaben

  1. Gedankenwelt (o.J.). Wann man Dinge loslassen sollte. Online verfügbar unter https://gedankenwelt.de/wann-man-dinge-loslassen-sollte/ [04.02.22].
  2. Hombach, Stella Marie (2021). Warum loslassen so schwer ist. Online verfügbar unter https://www.spektrum.de/news/neuanfaenge-warum-ist-es-so-schwer-loszulassen/1909009 [02.02.22].
  3. Medicus, Elisabeth (2018). Wenn Sterbende nicht loslassen können. Online verfügbar unter https://www.hospiz-tirol.at/tagebuch/2018/02/muss-man-beim-sterben-loslassen/ [04.02.22].
  4. Sinnsucher (o.J.). Loslassen lernen. Online verfügbar unter https://www.sinnsucher.de/blog/loslassen-lernen [04.02.22].

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