Zurück 01 Dec 2021 · 4 min lesezeit
von Katrin Bermbach

Angststörungen haben viele Gesichter. Eher unbekannt ist die Hochfunktionale Angststörung, auch High Functioning Anxiety genannt. Betroffene haben oft nur leichte Beschwerden und sind im Alltag kaum eingeschränkt, doch langfristig drohen Folgen. Hier erfährst du mehr über die Symptome und über die Behandlungsmöglichkeiten.

Manche Menschen, die an einer Angststörung leiden, werden davon kaum in Mitleidenschaft gezogen. Sie gehen ihrer Arbeit nach, treffen Freunde oder machen Sport. Sie „funktionieren“ im Alltag, was zum Begriff der „Hochfunktionalen Angststörung“ geführt hat. Unbehandelt steigt das Risiko für Depressionen, aber auch für psychosomatische Erkrankungen.

Was ist eine Hochfunktionale Angststörung?

Weder in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) noch im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, fünfte Auflage (DSM-5), ist der Begriff „Hochfunktionale Angststörung“ zu finden. Beide Nachschlagewerke sind weltweit anerkannt, um psychische Störungen zu klassifizieren. Dennoch existieren Hochfunktionale Angststörungen.

Zum Hintergrund: Angststörungen äußern sich von Person zu Person ganz unterschiedlich. Manche Patienten leiden an mittelschweren oder schweren Symptomen, während andere nur leichte Beschwerden verspüren. Nicht alle Betroffenen erfüllen die Kriterien, um von einer Angststörung gemäß ICD-10 oder des DSM-5 zu sprechen. Mitunter treten die Beschwerden nur kurz auf, sind eher leicht, aber wiederkehrend.

Wie erkennst du eine Hochfunktionale Angststörung?

Bislang können Ärzt*innen keine typischen Symptome angeben, die für alle Patient*innen mit einer Hochfunktionalen Angststörung zutreffen. Es deutet aber viel darauf hin, dass diese Menschen weniger offensichtliche Symptome haben, die ihre Funktionsfähigkeit beeinträchtigen. Sie können viele der klassischen Angstsymptome aufweisen, wobei die Beschwerden eher mild ausfallen. Beeinträchtigungen in wichtigen Funktionsbereichen, wie sie etwa vom DSM-5 gefordert werden, fehlen oft. Beschwerden beeinträchtigen die Lebensqualität auf subtile Weise. Mögliche Anzeichen einer Hochfunktionalen Angststörung können sein:

  • Sorgen, Ängste und Beklemmungen
  • Reizbarkeit und Frustration
  • die Unfähigkeit, sich zu entspannen
  • ein Bedürfnis nach Perfektionismus
  • übertriebener Ehrgeiz
  • Angst vor Versagen oder Verurteilung
  • der Wunsch, ständig beschäftigt zu sein
  • übermäßiges Nachdenken und Analysieren
  • Angst vor künftigen Ereignissen
  • erhöhte Herzfrequenz und schnellere Atmung
  • Schlafprobleme
  • Veränderungen des Appetits
  • Verdauungsstörungen

Diese Symptome können selbst bei schwächerer Ausprägung belastend sein; du solltest die Folgen für deinen Alltag nicht unterschätzen und Hilfe suchen.

Welche Ursachen hat eine Hochfunktionale Angststörung?

Forscher*innen konnten bislang nicht abschließend klären, warum bei manchen Personen hochfunktionale Angststörungen auftreten – und beispielsweise keine Generalisierten Angststörungen. Für dich aber gut zu wissen: Mittlerweile sind einige Risikofaktoren für Angststörungen entschlüsselt worden.

  • Genetik: Menschen mit einer familiären Vorgeschichte von Angststörungen oder anderen psychischen Erkrankungen haben ein höheres Risiko, an Hochfunktionalen Angststörungen zu erkranken, als andere.
  • Persönlichkeit: Merkmale wie Schüchternheit oder Nervosität in neuen Situationen gelten auch als Risikofaktor. 
  • Stress: Wer früher Stress oder ein Trauma erlebt hat, ist ebenfalls gefährdet, eine Angststörung zu entwickeln. 
  • Erkrankungen: Schilddrüsenstörungen, Herzerkrankungen und viele andere Leiden können Angstsymptome auslösen oder verschlimmern. Eine andere psychische Störung ist ebenfalls ein Risikofaktor für eine Angststörung.
  • Drogen- oder Alkoholkonsum: Chemische Stoffe können Angstzustände triggern, ebenso wie der Entzug dieser Substanzen.

Wie hängen eine Depression und eine Hochfunktionale Angststörung zusammen?

Es gibt Hinweise, dass Angststörungen – unabhängig von der Schwere – mit Depressionen in Verbindung stehen. Die National Alliance for Mental Illness (NAMI), eine US-amerikanische Interessenvertretung von Patient*innen, gibt an, dass 60 Prozent aller Menschen mit Angstzuständen zusätzlich Symptome einer Depression zeigen. Außerdem besteht ein erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken, wenn chronische Ängste und Stress nicht behandelt werden. Nur 36,9 Prozent aller Personen mit einer Angststörung suchen laut NAMI ärztliche Hilfe. Bei Menschen mit hochgradig funktionalen Angstzuständen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich behandeln lassen, geringer als bei Patient*innen mit stark ausgeprägten Angststörungen. Untersuchungen zeigen, dass sie oft erst dann nach Unterstützung suchen, wenn sie mit ihren Symptomen nicht mehr zurechtkommen. Je früher eine Therapie beginnt, desto eher zeigt sie jedoch Erfolg.

Wie lässt sich eine Hochfunktionale Angststörung behandeln?

Dein*e Arzt*Ärztin wird im ersten Schritt mit Fragebögen erfassen, an welchen Symptomen du leidest und wie stark die Beschwerden sind. Generell eignen sich Psychotherapie und Medikamente zur Behandlung, oft auch als Kombination. Psychotherapien helfen dir, die Symptome besser zu bewältigen. Einige Therapieformen können bei Angstzuständen wirksamer sein als andere. Die Kognitive Verhaltenstherapie beispielsweise gilt laut wissenschaftlichen Untersuchungen als sehr effektiv. Patient*innen lernen, ihre Gedanken besser zu verstehen und Situationen, die Ängste auslösen, zu kontrollieren. Vielleicht bringen dir Therapeut*innen auch Techniken bei, mit denen du Angstsymptome kontrollieren kannst, etwa Atemtechniken, Meditation oder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Verschiedene Medikamente können Ängste ebenfalls lindern. Um das richtige Medikament und die richtige Dosierung zur Kontrolle der Symptome zu finden, muss dein*e Arzt*Ärztin eventuell einige Versuche unternehmen, da Arzneimittel nicht bei jeder Person in gleicher Weise wirken. Scheue dich nicht, Fragen zu stellen, falls du wegen einer Medikamenteneinnahme Bedenken haben solltest.

Ein Artikel von

Katrin Bermbach Gründerin und COO · Psychologin

Quellenangaben

  1. Bandelow B. et al. (2021). S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen. https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/051-028l_S3_Behandlung-von-Angststoerungen_2021-06.pdf
  2. Carlos B et al. (2014, 27. Februar). Risk factors für anxiety disorders. Depress Anxiety. 2014 Sep; 31(9): 756–764. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4147018/
  3. Ro Health Guide/Paztient Community (2021, 14. April). High functioning anxiety: signs and what to do about it. https://ro.co/health-guide/high-functioning-anxiety/
  4. Arts and Humanities Division of the Council on Undergraduate Research (CURAH) (18. September 2020): But I´m a high-archiver! Insights into undergraduate mental health, http://curartsandhumanities.org/2020/09/18/high-achiever-undergraduate-mental-health/
  5. Wilson, S. (2018). First, We Make the Beast Beautiful: A new story about anxiety. ‎Bantam Press.

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