Zurück 16 Jun 2022 · 3 min lesezeit
von Hanna Eggebrecht

Eine selektive Essstörung, auch genannt “ARFID” (avoidant/restrictive food intake disorder) kennzeichnet sich dadurch aus, dass Betroffene einen ganz bestimmten Ernährungsstil oder nur ausgewählte Nahrungsmittel zu sich nehmen.

Die Symptome von ARFID ähneln der Anorexia nervosa dahingehend, als dass bei beiden Störungen die Gewichtsreduktion und das restriktive Essverhalten typisch sind. Bei ARFID geht es allerdings nicht primär um die Figur bzw. das Körperbild. Mache hier den wissenschaftlich fundierten Selbsttest und finde heraus, ob du Anzeichen für eine Essstörung zeigst. 

Selektive Essstörung: Jeden Tag nur Kartoffeln

Picky Eating vs. Selektive Essstörung: Woran erkennt man sie?

Die selektive Essstörung wurde bei der Einordnung in das us-amerikanische Diagnosesystem DSM-5 als “überdauernde und klinisch bedeutsame Unfähigkeit, den Bedarf an Nahrung und/oder Energie zu decken, die nicht auf Körperbildprobleme zurückzuführen ist.” beschrieben. Selektives Essverhalten kennzeichnet sich durch diese Symptome, die laut DSM-5 für die Diagnose sprechen:

  • Gewichtsverlust
  • Mangelnde Fähigkeit nahrhafte Nahrungsmittel aufzunehmen (Ess- oder Fütterstörung) 
  • Nährstoffmangel 
  • Abhängigkeit von Ergänzungsmitteln oder sonstigen künstlich zugeführten Mitteln
  • Beeinträchtigung psychologischer Gesundheit/ Funktion
  • keine anderen (körperlichen) Störungen erklären das Bild
  • Anorexie oder Bulimie sind ausgeschlossen
  • das Störungsbild ist nicht als Folge von Medikamentengebrauch o.ä. entstanden

Selektive Essstörung: Was steckt dahinter?

Das Störungsbild ist noch recht neu bzw. unerforscht und wurde erst kürzlich in das ICD-11, welches im Januar 2022 in Deutschland erschienen ist, aufgenommen. Deshalb ist bisher auch noch recht unklar, welche Motivation hinter der Vermeidung spezifischer Nahrungsmittel steckt. Momentan werden diese Ansatzpunkte diskutiert:

  • Desinteresse am Essen
  • sensorische Empfindlichkeiten
  • essensbezogene Ängste (Angst, zu ersticken)
  • emotionale Probleme. 

Einige Forscher:innen diskutieren auch, ob die Essstörung sich möglicherweise besser durch eine Angststörung oder Phobie erklären lässt, da die Symptome und das Verhalten (Vermeiden von Nahrungsmitteln etc.) dafür sprechen. 

Zusammenhang mit Magersucht und Bulimie

Im Gegensatz zu Bulimie und Magersucht, wo das Essverhalten ebenfalls gestört ist, geht es bei der selektiven Essstörung nicht um eine Gewichtsreduktion, Diät oder veränderte Figurwahrnehmung. Diese sind nur Teilaspekte von ARFID oder können als Folge auftreten. Die Anzeichen für ARFID sind deshalb auch anders:

  • Gewichtsverlust (durch Nährstoffmangel)
  • Bauchschmerzen oder häufige Probleme mit dem Magen bei der Essenszeit (sich “voll fühlen”, “komisch im Bauch”...)
  • Lethargie (Müdigkeit)
  • Kälteempfindlichkeit
  • restriktives Essverhalten
  • bestimmte Texturen von Essen werden bevorzugt (gequetschte Kartoffeln o.ä.)
  • Angst vor dem Ersticken oder Erbrechen
  • Appetitlosigkeit
  • Kein Interesse an Essen
  • Picky Eating: Anzahl von gegessenen Nahrungsmitteln verringert sich mit der Zeit
  • Keine Körperschemastörung 
  • Keine Angst vor Gewichtszunahme

ARFID bei Kindern- was tun?

Als Ess- oder Fütterstörung wird ARFID eher bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert werden. Zudem stellt sich die Frage, inwiefern ein selektives Essverhalten von der Norm abweicht. Viele Kleinkinder mögen bestimmte Gemüsearten nicht, da sie einen bitteren Geschmack oder andersartiges Aussehen aufweisen. Wenn Kinder solche Gemüse- oder Obstarten nicht mögen, dann ist das noch lange kein Grund zur Sorge. Weitet sich das ablehnende Verhalten jedoch mehr und mehr auf andere Nahrungsmittel aus, könnte es ratsam sein mit einer Fachperson darüber zu sprechen.

Tipps für den Alltag

Im Alltag lässt sich einem selektiven Essverhalten dadurch vorbeugen, indem man Kindern unterschiedliche Nahrungsmittel zum Kosten anbietet, ohne vorher wertend darüber zu sprechen. Das Kind bildet sich so eine ganz eigene Meinung ohne den Einfluss der Eltern. Auch sind besonders süße Getränke und Nahrungsmittel zu vermeiden, damit sich die Geschmacksknospen auf der Zunge im jungen Alter vollständig entfalten können, ohne bereits auf eine bestimmte Richtung “gepolt” zu werden. Schlussendlich ist auch bei bereits beginnendem selektiven Essverhalten der Einbezug von Kindern in die Zubereitung hilfreich: Kinder und Jugendliche beim Kochen oder Einkaufen in die Praktiken einzubeziehen schult ihr Verständnis für Nahrungsmittel und sensibilisiert gleichzeitig für verschiedenste Arten von Gemüse, Obst, Brot etc. 

Ein Artikel von

Hanna Eggebrecht Redakteurin · B. Sc. Psychologie

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Quellenangaben

  1. ICD-11 Sonderserie: Fütter- und Essstörungen des Kindes- und Jugendalters. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (2020), 49, pp. 443-452 https://doi.org/10.1024/1422-4917/a000772 
  2. Claudino et.al. (2019). The classification of feeding and eating disorders in the ICD-11: results of a field study comparing proposed ICD-11 guidelines with existing ICD-10 guidelines. BMC medicine, 17(1), 93. https://doi.org/10.1186/s12916-019-1327-4 
  3. Schmidt, R., Kirsten, T., Hiemisch, A., Kiess, W., & Hilbert, A. (2019). Interview-based assessment of Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder (ARFID): A pilot study evaluating an ARFID module for the Eating Disorder Examination. International Journal of Eating Disorders, 52, 388-397.
  4. https://www.uniklinikum-leipzig.de/einrichtungen/psychosomatik/Seiten/AD2-7106.aspxhttps://www.nationaleatingdisorders.org/learn/by-eating-disorder/arfid
  5. https://www.msdmanuals.com/de-de/heim/kurzinformationen-psychische-gesundheitsst%C3%B6rungen/essst%C3%B6rungen/vermeidende-restriktive-essst%C3%B6rung#:~:text=die%20ARFID%20behandelt%3F-,Was%20ist%20eine%20vermeidende%2Frestriktive%20Essst%C3%B6rung%20(ARFID)%3F,besessen%20davon%2C%20d%C3%BCnner%20zu%20werden.
  6. Artikelbild: Photo by engin akyurt on Unsplash

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