Zurück 14 Dec 2021 · 7 min lesezeit
von Katrin Bermbach

Von einer Phobie spricht man dann, wenn unangemessen starke Ängste vor bestimmten Situationen, Lebewesen oder Objekten auftreten. Dies hat zur Folge, dass Betroffene diese um jeden Preis zu vermeiden versuchen. Erfahre hier, welche Phobie-Arten es gibt und was du dagegen tun kannst.

Phobien gehören neben der Panikstörung und der Generalisierten Angststörung zu den Angststörungen. Unterschieden werden verschiedene Phobie-Arten, die eines gemeinsam haben: eine übermäßige Angst, die dazu führt, dass in der Situation nichts mehr geht oder du diese von vornherein meidest.

Wie lautet die Phobie-Definition?

So lautet die Phobie-Definition Psychologie: Phobien zählen neben Panikstörungen und der Generalisierten Angststörung zu den Angststörungen. Der Begriff „Phobie“ leitet sich vom altgriechischen Wort „phobos“ ab und bedeutet so viel wie Furcht oder Schrecken. Menschen mit einer Phobie fürchten sich vor bestimmten Situationen, Lebewesen oder Objekten. Die Ängste werden ausschließlich oder überwiegend durch eigentlich ungefährliche Situationen hervorgerufen. Allein die bloße Vorstellung kann körperliche und/oder psychische Reaktionen auslösen. Falls du betroffen bist, ist dir womöglich bewusst, dass deine Angst übertrieben und irrational ist, du kannst diese jedoch nicht kontrollieren. In der Folge meidest du die Angst auslösenden Situationen oder kannst diese nur unter größter Anstrengung ertragen.

Welche Phobie-Arten gibt es?

Es gibt verschiedene Phobien-Arten, die sich in die drei Hauptformen Soziale Phobie, Agoraphobie und Spezifische Phobien unterteilen lassen. Alle Arten von Phobien können alleine oder in Kombination auftreten. Bei den spezifischen Phobien lassen sich zahlreiche weitere Unterformen unterscheiden.

Soziale Phobie: Definition

Definition: Soziale Phobie bedeutet, dass du Situationen meidest oder fürchtest, in denen du von anderen Menschen prüfend betrachtet werden oder beurteilt werden könntest. Anders gesagt: Du hast Angst, dich zu blamieren. Kritisch können verschiedene Situationen werden – sei es, wenn es darum geht, dass du vor großem Publikum einen Vortrag hältst, in einem Restaurant eine Bestellung aufgeben willst, bei einem Behördengang einen Antrag stellen musst oder ein Ticket brauchst, das es nur am Fahrkartenschalter gibt.

Aus Angst vor einer Blamage meiden viele Betroffene soziale Situationen, in denen sie im Mittelpunkt stehen. In manchen Fällen bezieht sich die Soziale Phobie nur auf bestimmte Herausforderungen, etwa einen Vortrag halten zu müssen. Anderen bereiten dagegen fast alle sozialen Situationen Schwierigkeiten. In der Psychologie unterscheidet man daher zwischen der Umschriebenen und der Generalisierten Sozialen Phobie.

Agoraphobie: Definition

Eine Agoraphobie ist definiert als Angst vor großen Plätzen. Dementsprechend verspürst du Unwohlsein oder Angst, wenn du beispielsweise mit vielen anderen Menschen ein Konzert besuchen willst, im Supermarkt einkaufst oder mit dem Bus, der Bahn oder dem Flugzeug reist oder weit weg von zu Hause bist. Vielleicht bereitet es dir schon Probleme, das Haus zu verlassen. Menschen mit einer Agoraphobie befürchten vor allem, aus einer solchen Situation nicht entfliehen zu können oder keine Hilfe zu bekommen. Häufig geht die Agoraphobie mit Panikattacken als Symptom oder einer ausgeprägten Panikstörung einher.

Spezifische Phobien: Definition

Unter spezifischen Phobien verstehen Psychologen*innen Situationen, die sich auf ganz bestimmte Situationen, Objekte oder Lebewesen beziehen. Diese können die Angst vor Höhen, tiefen Gewässern, Gewitter, Dunkelheit, Genuss bestimmter Speisen, geschlossenen Räumen, öffentlichen Toiletten, Flugreisen, einem Arztbesuch, Spritzen oder Blut sein. Eine weitere Gruppe spezifischer Phobien betrifft die Angst vor bestimmten Tieren. Vielleicht jagen dir selbst kleine Tiere wie Spinnen, Mäuse, Vögel oder Katzen furchtbare Angst ein, obwohl die tatsächliche Gefahr, die von ihnen ausgeht, sehr gering ist.

Symptome: Wie äußern sich Phobien?

Das wichtigste Symptom einer Phobie ist die übermäßige und lang anhaltende Angst. Dabei bezieht sich diese nicht auf die Situation als solche, sondern vielmehr die körperlichen und psychischen Reaktionen, die diese auslösen könnte. In der Folge vermeiden Betroffene zunehmend die für sie Angst auslösenden Situationen, wodurch sich ihre Angst wiederum verstärkt. Eine Phobie kann mit weiteren körperlichen und psychischen Symptomen einhergehen.

Zu den möglichen körperlichen Angstreaktionen bei Phobien zählen: 

  • Erröten
  • Händezittern
  • starkes Herzklopfen 
  • Atembeschwerden
  • Beklemmungsgefühle
  • Übelkeit und Unwohlsein
  • vermehrter Harndrang

Zudem können psychische Symptome auftreten, die sich bis zu einer Panikattacke steigern können: 

  • Angst, die Kontrolle zu verlieren 
  • Angst, verrückt zu werden 
  • Angst zu sterben 
  • Gefühle von Unwirklichkeit, Fremdheit (Derealisation) oder Loslösung von der eigenen Person (Depersonalisation)

Ursachen: Wie entsteht eine Phobie?

Alle Phobie-Arten haben einen natürlichen Hintergrund. Beispielsweise spielt bei einer spezifischen Phobie unser Urinstinkt eine wichtige Rolle. So war es für unsere Vorfahren überlebensnotwendig, sich vor gefährlichen Raubkatzen oder giftigen Schlangen zu schützen und bei Naturgewalten wie Gewittern, Dunkelheit oder tiefen Gewässern vorsichtig zu sein. Die körperlichen Auswirkungen in solchen Situationen wie beschleunigte Atmung oder erhöhter Muskeltonus sind somit ganz natürlich, bereiten sie uns doch auf eine Kampf- oder Fluchtreaktion vor.

Ob deine Angst übertrieben ist und du beispielsweise beim Anblick einer harmlosen Hauskatze einen gefährlichen Säbelzahntiger vermutest, bestimmt das Zusammenspiel erblicher, neurobiologischer und psychologischer Faktoren:

Erbliche (genetische) Faktoren

Die Gene scheinen bei der Entstehung von Phobien eine gewisse Rolle zu spielen. So treten Angststörungen bei eineiigen Zwillingen häufiger gleichzeitig auf als bei zweieiigen Zwillingen. Forscher der Universität Bonn identifizierten ein Gen, das vermutlich mit einer sozialen Phobie in Zusammenhang steht. Vermutlich sind jedoch mehrere Gene bei Angsterkrankungen bedeutsam.

Neurobiologische Faktoren

Auch die biologischen und chemischen Vorgänge im Körper spielen beim Ursprung von Phobien wahrscheinlich eine wichtige Rolle. So glauben Experten, dass ein gestörtes Gleichgewicht von Botenstoffen (Neurotransmittern) wie Serotonin, Noradrenalin oder Gamma-Aminobuttersäure (GABA) zur Entwicklung einer Angststörung beitragen kann. Dafür spricht, dass bei Ängsten solche Medikamente wirksam sind, die den Serotonin-Abbau im Gehirn hemmen (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, SSRI).

Psychische Faktoren

Neben traumatischen Erlebnissen in der Kindheit (etwa körperliche oder seelische Gewalt, sexueller Missbrauch) können auch lang anhaltende seelische Belastungen die Entwicklung einer Angststörung begünstigen. Gemäß der Lerntheorie tragen auch negative Lernerfahrungen sowie die Vermeidung von Angst auslösenden Situationen zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Ängsten bei. 

Diagnose: Wie wird eine Phobie festgestellt?

Viele Betroffene vermuten zunächst eine organische Ursache ihrer Beschwerden und laufen zu vielen Ärzt*innen. Dadurch dauert es manchmal Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Eine Phobie wird gemäß den Kriterien im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition (DSM-5) festgestellt. Voraussetzung für die Diagnose sind folgende Punkte:

  • Die gravierende, anhaltende Furcht oder Angst bezieht sich auf eine bestimmte Situation oder ein Objekt und besteht über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten. 
  • Die Situation oder das Objekt löst fast immer unmittelbare Furcht oder Angst aus. 
  • Betroffene vermeiden aktiv die Situation oder das Objekt. 
  • Die Furcht oder Angst steht in keinem Verhältnis zu der tatsächlichen Gefahr.
  • Die Angst verursacht bedeutendes Leiden oder beeinträchtigt die soziale oder berufliche Funktionsfähigkeit wesentlich.

Prognose und Verlauf: Kann eine Phobie wieder verschwinden?

Phobien verschwinden nur sehr selten von alleine. Vor allem im Erwachsenenalter bleiben sie oft dauerhaft bestehen, wenn du nichts dagegen unternimmst. Lebst du beispielsweise in der Stadt und hast eine spezifische Phobie gegen Schlangen, kannst du vermutlich ganz gut damit leben, weil die Wahrscheinlichkeit, dort einem solchen Reptil zu begegnen, eher gering ist. Anders sieht es dagegen im Falle einer Sozialen Phobie aus. Meidest du aus Angst den Kontakt mit anderen Menschen, kann dies dich im schlimmsten Fall in die soziale Isolation führen.

Was hilft bei einer Phobie?

Die gute Nachricht lautet: Bei allen Phobie-Arten stehen dir hilfreiche psychotherapeutische Verfahren zur Verfügung. Damit es dir schon bald wieder besser geht, solltest du frühzeitig eine*n Ärztin*Arzt aufsuchen. Am besten wissenschaftlich untersucht ist die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Ein wichtiger Baustein ist die Konfrontations- oder Expositionstherapie. Hierbei sucht der Betroffene Angstsituationen bewusst auf und verbleibt darin so lange, bis die Angst spürbar nachlässt. Ziel ist es, dass die Angst nach und nach an Bedeutung verliert.

Bringt eine Psychotherapie allein nicht den gewünschten Erfolg oder leidest du zusätzlich unter einer weiteren psychischen Störung wie einer Depression, kann die Einnahme bestimmter Medikamente sinnvoll sein. Moderne Antidepressiva (zum Beispiel Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, SSRI) sind für Angsterkrankungen zugelassen und können dir gut helfen. Am besten besprichst du mit deinem*deiner Arzt*Ärztin, welches Mittel für dich am besten geeignet ist.

Was kannst du selber tun?

Die körperlichen und psychischen Symptome bei einer Phobie können sehr belastend sein. Du kannst jedoch einiges tun, um den Umgang mit den Belastungen zu verbessern und dein Wohlbefinden zu stärken. Es wirkt stabilisierend auf deine Psyche, wenn du regelmäßig Sport treibst, Stress reduzierst und/oder ein Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelentspannung nach Jacobson (PMR) oder Autogenes Training erlernst.

Spürst du Angstgefühle oder sogar eine Panikattacke in dir aufkommen, kann es dir helfen, dich auf deine Atmung zu konzentrieren, laut „Stopp“ zu sagen oder bewusst deine Fäuste zu ballen und die Anspannung nach ein paar Sekunden bewusst wieder loszulassen. Auch eine vertraute Person an deiner Seite kann dir in kritischen Situationen Sicherheit vermitteln. Hier findest du mehr über Selbsthilfe bei Phobien.

Als ergänzende Maßnahme kannst du an unseren Online-Kursen bei Generalisierter Angststörung und Panikstörung teilnehmen. Im Rahmen unseres Sicherheitskonzeptes ist ein*e Psycholog*in per Nachrichtenfunktion für dich da.

Ein Artikel von

Katrin Bermbach Gründerin und COO · Psychologin

Quellenangaben

  1. DGPM (Hrsg.) (2015). Leitlinie „Behandlung von Angststörungen, (Registernummer 051 - 028). [https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-028.html
  2. Gesellschaft für Angstforschung (o. D.). Informationen für Patienten. https://www.angstforschung.org/informationen
  3. ICD-10-GM-2021. F.40.- Phobische Störungen. https://www.icd-code.de/suche/icd/code/F40.-.html
  4. Klinik Friedenweiler. Klinik für Agoraphobie (2021). Was ist eine Agoraphobie? https://www.klinik-friedenweiler.de/behandlungsfelder/angststoerungen/agoraphobie/
  5. Klinik Friedenweiler. Klinik für soziale Phobie (2021). Was ist eine soziale Phobie? https://www.klinik-friedenweiler.de/behandlungsfelder/angststoerungen/soziale-phobie/
  6. Klinik Friedenweiler. Klinik für andere spezifische Phobien (2021). Was sind andere spezifische Phobien? https://www.klinik-friedenweiler.de/behandlungsfelder/angststoerungen/andere-spezifische-phobien
  7. MSD Manuals (Juli 2018). Spezifische Phobische Störungen. https://www.msdmanuals.com/de-de/profi/psychische-st%C3%B6rungen/anst-und-stressbezogene-erkrankungen/spezifische-phobische-st%C3%B6rungen
  8. Neurologen und Psychiater im Netz (o. D.). Angsterkrankungen. https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/stoerungen-erkrankungen/angsterkrankungen/
  9. Psychenet. Netz psychische Gesundheit (Mai 2021). Information Soziale Phobie. https://www.psychenet.de/de/psychische-gesundheit/informationen/soziale-phobie.html
  10. Universität Bonn (2017, März). Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache. https://www.uni-bonn.de/de/universitaet/presse-kommunikation/presseservice/archiv-pressemitteilungen/2017/071-2017

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