Zurück 16 Aug 2023 · 6 min lesezeit
von Kathrin Rothfischer
Magersüchtige Männer

Magersucht tritt bei Männern deutlich seltener auf als bei Frauen – und wird selten als solche erkannt. Häufig geht die Essstörung bei männlichen Betroffenen mit der sogenannten Muskelsucht einher, also dem Streben nach einem perfekt definierten, muskulösen Körper.

An einer Magersucht erkranken mehr Frauen als Männer. Die Essstörung gilt daher als eine typisch weibliche Erkrankung. Allerdings haben Jungen und Männer generell eine höhere Hemmschwelle, sich wegen einer als typisch weiblich angesehenen Krankheit Hilfe zu suchen. Das kann dazu beitragen, dass eine Essstörung bei ihnen sehr spät und auch seltener festgestellt wird. Eine frühe Diagnose ist aber wichtig, um Mangelerscheinungen und Spätfolgen für die Gesundheit von Körper und Seele zu verhindern.

Wie viele Männer leiden an Magersucht?

Tatsächlich wird bei deutlich weniger Männern eine Anorexia Nervosa diagnostiziert, als bei Frauen. Statistik-Auswertungen ergaben folgende Zahlen:

Magersucht: Statistik Männer/Frauen

Es ist schwierig, eine eindeutige Aussage zu treffen, wie häufig Jungen und Männer an Magersucht leiden. Je nachdem, welche Bezugsgrößen (also Alter der untersuchten Personen, untersuchter Zeitraum etc.) verwendet werden, unterschieden sich die Zahlen zum Teil sehr deutlich. Aus einer Fülle von internationalen Studien haben Expert*innen aber errechnet, dass von 1.000 Mädchen und Frauen 14 im Laufe ihres Lebens magersüchtig werden, bei Jungen und Männern sind es zwei. Andere Quellen gehen davon aus, dass es deutlich mehr sind, weil vermutlich viele nicht zum*zur Arzt*Ärztin gehen. Generell wird Magersucht bei jungen Männern häufiger festgestellt als Magersucht bei erwachsenen Männern. Aber auch Erwachsene jenseits der 40 können an der Essstörung leiden.

Deutliche Zunahme bei Männern

Insgesamt gibt es Hinweise darauf, dass der Anteil an magersüchtigen Männern oder als männlich gelesenen Personen, die unter einer Essstörung leiden, deutlich zugenommen hat. Wie eine US-amerikanische Studie zeigt, stieg die Zahl der männlichen Studenten mit einer Essstörung zwischen 1995 und 2008 um fast das Dreifache. Ob es sich hierbei um eine tatsächliche Zunahme der Fälle handelt oder ob Magersucht bei Männern einfach nicht mehr ein ganz so großes Tabuthema ist und sich mehr männliche Betroffene Hilfe suchen, ist allerdings unklar.

Wie äußert sich eine Magersucht bei Männern?

Eine Magersucht bei Männern äußert sich ähnlich wie bei Frauen. Typisches Anzeichen sind ein starker Gewichtsverlust oder anhaltendes Untergewicht. Im Internet kursieren zahlreiche Magersucht-Bilder: Männer mit hohlen Wangen, stockdünnen Armen und hervorstehenden Rippen. Was für Außenstehende oft verstörend wirkt, sehen die Betroffenen nicht als krankhaft an. Denn sie leiden oft auch an einer gestörten Körperwahrnehmung. Das heißt, sie sehen sich selbst immer noch als zu dick an.  Die Angst, die Kontrolle zu verlieren, zuzunehmen und zu dick zu sein, ist sehr groß.

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Rituale kontrollieren Nahrungsaufnahme

Das eigene Körpergewicht und die Figur haben einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlbefinden, sodass die Gedanken ständig um Essen und das eigene Aussehen kreisen. Daher kontrollieren Betroffene ihre Nahrungsaufnahme rigoros und entwickeln Rituale wie:

  • Kalorien zählen 
  • langsames Essen 
  • Kleinschneiden der Nahrung oder 
  • Essen nach bestimmten Zeitplänen.

Viele Männer mit Magersucht treiben auch sehr viel Sport, um noch mehr Gewicht zu verlieren. Oft geht die Magersucht auch mit psychischen Erkrankungen wie etwa Depression, Zwangsstörungen oder Angststörungen einher.

Langfristige Folgen

Das dauernde Hungern kann zu Mangelerscheinungen und Symptomen wie Konzentrationsstörungen, Kreislaufbeschwerden, Herzrhythmusstörungen oder einem verlangsamten Herzschlag führen. Auch Potenzprobleme können entstehen. Neben körperlichen Auswirkungen gibt es auch seelische Folgen: Viele Betroffene ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld komplett zurück, vernachlässigen Hobbys oder Arbeit und sind gleichgültig oder reagieren sehr gereizt. Zudem steigt das Risiko zu sterben oder Selbstmord zu begehen. Magersüchtige Männer haben ein mehr als fünffach höheres Risiko zu sterben als Gleichaltrige ohne die Erkrankung.

Magersucht bei Männern: Ursachen

Die Ursachen für Magersucht bei Männern sind ähnlich wie bei Frauen. In der Regel wirken verschiedene Faktoren zusammen, die sich gegenseitig beeinflussen. Dazu zählen:

  • genetische Faktoren (in einigen Familien treten Essstörungen häufiger auf als in anderen)
  • Veränderungen im Hormonsystem (etwa der Geschlechtshormone wie Testosteron) 
  • körperliche Faktoren wie Unter- oder Übergewicht oder das Alter 
  • soziokulturelle Faktoren wie bestimmte Schönheitsideale 
  • familiäre Faktoren wie etwa Trennung der Eltern, Gewalt, auffallendes Essverhalten oder negatives Körperbild anderer Familienmitglieder, hoher Erfolgs- und Leistungsdruck, Depression oder Suchterkrankung eines Elternteils
  • persönliche Faktoren wie ein geringes Selbstwertgefühl, ein hoher Leistungsanspruch an sich selbst, Hang zum Perfektionismus, geringe Stressresistenz oder traumatische Erlebnisse wie sexueller Missbrauch

Sport spielt eine wichtige Rolle für essgestörte Männer. Magersucht bei Jungen und Männern entsteht daher oft im Zusammenhang mit körperlichem Training. Besonders bei Sportartarten, für die ein bestimmtes Gewicht wichtig ist (zum Beispiel Turnen, Skispringen, Kampfsport oder Ballett), ist das Risiko, eine Magersucht zu entwickeln, sehr hoch.

Was hat eine Muskelsucht mit Magersucht zu tun?

Männer entwickeln oft eine Krankheit, die Muskeldysmorphie, Muskelsucht oder „männliche Anorexie“ genannt wird. Auch Mädchen und Frauen können aber daran erkranken. Eine Muskelsucht ist keine klassische Essstörung, auch wenn die Symptome und die Krankheitsentwicklung einer Magersucht ähnlich sind. Jungen und Männer mit Muskelsucht empfinden dabei ihren Körper als nicht muskulös oder stark genug. Durch übermäßiges Training und rigorose Ernährungspläne versuchen die Betroffenen, Körperfett zu reduzieren und so die Muskelmasse ihres Körpers zu steigern – selbst wenn sie bereits durchtrainiert sind.

Typisch ist dabei ein übertriebenes Streben nach Perfektion. Auch Verletzungen oder körperliche Beschwerden halten sie nicht davon ab, weiterhin Sport zu treiben. Mitunter nehmen Männer mit dieser Verhaltensstörung Medikamente ein, um das Wachstum der Muskeln zu steigern. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper geht zudem oft gleichzeitig mit Ängsten, Minderwertigkeitsgefühlen, Scham, Selbstabwertung oder Depressionen einher. Dreht sich im Leben eines Mannes alles darum, einen möglichst muskulösen und definierten Körper zu haben, kann sich daraus eine Essstörung wie zum Beispiel eine Magersucht entwickeln.

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Magersucht bei Männern – was tun?

Die Diagnose Magersucht wird bei Jungen und Männern oft sehr spät gestellt. Denn viele Ärzt*innen unterschätzen die Anzeichen für eine Essstörung bei Männern. Auch viele Betroffene wollen sich nicht eingestehen, dass ihr Ess- und Bewegungsverhalten krankhaft ist. Hinzu kommt, dass ein magersüchtiger Mann sich häufig schämt, wegen einer vermeintlichen Frauenkrankheit Hilfe zu suchen. Je früher die Magersucht erkannt wird, desto besser sind aber die Chancen auf eine vollständige Heilung.

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Behandlungsziele

Die Art der Therapie hängt unter anderem davon ab, wie schwer ausgeprägt die Magersucht ist. Sie kann ambulant oder in einer Klinik erfolgen. Bei lebensbedrohlichem Untergewicht oder sehr schlechtem Allgemeinzustand ist mitunter auch eine Zwangsbehandlung nötig. Ziele der Behandlung sind vor allem, das Gewicht zu normalisieren, das krankhafte Essverhalten zu ändern und persönliche oder familiäre Probleme mithilfe einer Psychotherapie zu lösen.

Schwierigkeiten bei der Behandlung von Männern

In der Regel gibt es keine geschlechtsspezifische Behandlung der Magersucht. In bestimmten Bereichen ist es allerdings sinnvoll, Angebote auf Männer auszurichten. Denn viele Männer sind es nicht gewohnt, sich über ihre Gefühle auszutauschen. Gruppentherapien, an denen nur Männer teilnehmen, erleichtern es den Betroffenen zum Beispiel, über Probleme zu sprechen. Das ist in vielen Einrichtungen aber nicht möglich. Hinzu kommt, dass spezielle männliche Themen wie etwa das männliche Selbstbild und das damit verbundene Streben nach Stärke und Kontrolle nicht ausreichend zur Sprache kommen.

Ein Artikel von

Kathrin Rothfischer Medizinredakteurin

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Quellenangaben

  1. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA), Wie häufig sind Essstörungen https://www.bzga-essstoerungen.de/habe-ich-eine-essstoerung/wie-haeufig-sind-essstoerungen/?L=0
  2. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA), Essstörungen bei Jungen und Männern https://www.bzga-essstoerungen.de/habe-ich-eine-essstoerung/essstoerungen-bei-jungen-und-maennern/?L=0
  3. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA), Magersucht https://www.bzga-essstoerungen.de/was-sind-essstoerungen/arten/magersucht/?L=0#c821
  4. Landesfachstelle Essstörungen NRW, Essstörungen bei Jungen und Männern https://www.landesfachstelle-essstoerungen-nrw.de/fileadmin/contents/Broschueren/Essstoerungen_bei_Jungen_und_Maennern.pdf
  5. White S, Reynolds-Malear JB, Cordero E (2011) Disordered eating and the use of unhealthy weight control methods in college students: 1995, 2002, and 2008. Eating Disorders: The Journal of Treatment and Preven- tion, 19, 323–334

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