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Wohlbefinden

Wir müssen reden – Wie kann ich über meine psychische Erkrankung sprechen?

30 Apr 2018 · 5 min lesezeit

“Ich möchte mein psychisches Leid nicht mehr verstecken. Ich muss endlich damit aufhören, mich in Gegenwart anderer zu verstellen – so zu tun als wäre alles ok. Ich will endlich wieder ich selbst sein, möchte die “Mir geht’s gut. Danke”-Maske ablegen. Aber wie sage ich es den wichtigsten Menschen, meiner Familie, meinen Freund*innen, meinem*r Partner*in? Wie kann ich ehrlich und offen über psychische Erkrankungen sprechen? Und wieso bin ich nicht längst mit der Sprache rausgerückt? Ich habe Angst davor, dass meine Liebsten mich anschauen und alles was sie in mir sehen ist meine Diagnose, mit all ihren Vorurteilen und Stigmatisierungen.”

Wovor haben wir Angst?

Das offene Gespräch über psychische Krankheiten hat in unserer Gesellschaft noch keinen allzu großen Platz gefunden. Noch immer begegnen Menschen mit psychischen Problemen Stigmatisierungen, Unverständnis und Vorurteilen, wenn sie über ihr Leid reden. Die Leidtragenden bewahren aus diesem Grund oft Stillschweigen. Das wiederum kann das Leid sogar verschlimmern.

Wieso verstecken wir uns?

Viele Leidtragende werden zu Meistern des Versteckspiels: In Gegenwart von Freund*innen, Verwandten oder Kolleg*innen ist ihnen das psychische Leid nicht anzumerken. Auf die Frage wie es ihnen geht, antworten sie automatisch mit “Gut. Danke.” und hoffen inständig, dass man an diesen zwei Worten ihren Kummer nicht ablesen kann. “Nur nichts durchblicken lassen” schwirrt es ihnen im Kopf herum. Schnell lenken die Betroffenen auf andere Themen. Denn einen Teil von sich können sie nicht zeigen: Das Ich, was täglich mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, mit all seinen Facetten. Man wird so gut in diesem Spiel, dass manchmal selbst die Personen im engsten Kreis nichts von unseren Sorgen mitbekommen. Doch lange lässt sich dieser Zustand nicht aushalten. Es gehen die Ausreden aus, das Lügen fällt immer schwerer und hinzu kommt die Angst, dass die Unehrlichkeit Freundschaften kaputt macht. Es wird also Zeit, das Gespräch mit unseren liebsten Menschen zu suchen.

Schweigen ist nicht immer Gold

Ein offenes Gespräch mit unseren Liebsten über unsere psychischen Probleme ist sicher eins der schwierigsten Gespräche unseres Lebens. Doch wir können ganz sicher sein: Nicht nur für den Betroffenen ist diese Unterhaltung schwer. Oftmals fühlen sich unsere Lieben nach dieser Offenbarung genauso hilflos, wie wir selbst. Das Thema “Psychische Erkrankung” darf kein Tabuthema und kein Grund für Scham sein. Es sollte vielmehr ein Thema sein, welches wir offen und selbstsicher ansprechen können.

Wir müssen reden

Wann ist der perfekte Zeitpunkt, um solch ein Thema anzusprechen? Sicherlich gibt es diesen nicht – vor allem nicht bei solch einem persönlichen und bewegenden Thema. Doch nur weil es keinen idealen Zeitpunkt gibt, heißt das nicht, dass das Thema nicht angesprochen werden kann. Das Reden über die eigene psychische Erkrankung verursacht bei Betroffenen oft ein großes Schamgefühl. Man hat schnell das Gefühl in eine Opferrolle zu verfallen oder man hat Angst, nicht die richtigen Worte zu finden. Unter anderem kann dies daran liegen, dass psychische Erkrankungen nach wie vor Tabuthemen sind. Auch kann das Thema in Menschen Hilflosigkeit auslösen und nicht alle Menschen sind für solch ein Thema gerüstet.

Sollten Menschen nicht wie erhofft reagieren, kann dies viele Gründe haben. Hilfreich kann sein, dass man in solchen Momenten nachfragt. Wichtig kann es sein unseren Lieben Zeit zu geben, auch wir haben Zeit gebraucht um uns zu öffnen. Wir können ihnen zusätzlich zum Gespräch Broschüren oder Erfahrungsberichte anderer Menschen geben, die fühlen wie wir. So kann sich unser engster Kreis selbst einmal ein Bild machen.

Reden üben

Sollte die Hürde mit den Lieben zu reden zunächst doch zu hoch erscheinen, kann es helfen sich zunächst anderen Betroffenen oder Expert*innen anzuvertrauen. Ein Vorteil beim Austausch mit anderen Betroffenen kann sein, dass diese viele Dinge, die du berichtest, gut nachfühlen können. Auch kann dieser Austausch nützlich sein um gemeinsam Erfahrungen auszutauschen und du kannst üben, wie du Dinge formulieren kannst. Jede*r hat eine eigene Geschichte, doch gibt es oft auch Dinge, die Betroffene teilen. Weiterhin kann der Austausch mit einem*r Expert*in helfen, selbst zum*r Expert*in seiner Erkrankung zu werden. Sicherlich kannst du dich noch an Situationen in deinem Leben erinnern, in denen du als Kind oder Erwachsene*r Angst vor Dingen hattest. Eine Möglichkeit sich der Angst zu stellen, ist dir genau anzusehen, wovor du eigentlich Angst hast.

Reden ist nur dann schwer, wenn man es nicht macht

Es ist unwahrscheinlich, dass die Menschen, denen du dich anvertraust, dich allein lassen werden. Doch bedenke, dass es auch für deine Liebsten kein einfaches Thema ist – wenn die mutige Tochter auf einmal eine Depression hat, der ehrgeizige Sohn unter einer Essstörung leidet oder die starke Mama plötzlich Burnout hat. Vielleicht geben wir ihnen etwas Zeit um das Gespräch zu verdauen. Es kann vorkommen, dass auch die Menschen, die uns am nähesten stehen, vielleicht falsche Vorstellungen darüber haben, wie es ist, psychisch belastet zu sein. Sei mutig und spreche mit deinen Herzensmenschen darüber, wie es für dich ganz persönlich ist, welche Wünsche du hast, welche Umgangsweisen dir helfen könnten, welche Worte deiner Liebsten heilen, welche eher nicht? Findet es gemeinsam heraus. Welche Fragen haben vielleicht die anderen? Du kannst dein Gespräch auch vorbereiten, so hast du mehr Sicherheit und du kannst vorher in Ruhe überlegen, was genau du ansprechen möchtest.

Du bist ihnen wichtig

Sobald man andere ins Vertrauen gezogen hat, kann aus dem ewigen Versteckspiel plötzlich ein neues Unterstützungssystem entstehen. Freund*innen und Familie zeigen Verständnis, sie hören genauer zu, wenn du wieder einen schlechten Tag hast, sie verstehen nun endlich was mit dir los ist. Auch für dich ist es eine große Entlastung: Du brauchst keine Ausreden mehr finden, kannst die Energie nun nutzen, um einen Weg aus der Krankheit heraus zu finden. Dein engster Kreis kann so sogar zur Besserung beitragen, indem sie dich auffangen, dir Rat geben, dir beistehen und ein offenes Ohr haben. Vielleicht hat der*die ein oder andere selbst Erfahrung mit psychischen Belastungen? Der Austausch über die Sorgen und das Vertrauen zu den Menschen, die dir am Herzen liegen, kann sogar stärkend für die Beziehung sein.

Du bist nicht die Krankheit

Es ist immer wichtig sich und andere daran zu erinnern, dass du nicht die Krankheit bist. Sie ist nur ein Teil von dir, der mal größer, mal kleiner und mal gar nicht da ist. Sprich dieses Thema an, damit auch andere die Chance haben, dich zu verstehen. Und sprich es vor allem an, um auch dir selbst die Last zu nehmen. Wir tun uns selbst nur Unrecht, indem wir nicht über unser Leid reden. Indem wir offen darüber sprechen, können wir wiederum andere dazu ermutigen, es auch zu tun.

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Quellenangaben

  1. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (o.J.). Für Akzeptanz - gegen Ausgrenzung. Online verfügar unter https://www.dgppn.de/schwerpunkte/stigma.html
  2. Aydin, N., Fritsch, K. (2015): Stigma und Stigmatisierung von psychischen Krankheiten. In: Psychotherapeut Nr. 60, S. 245–257, online verfügbar unter https://doi.org/10.1007/s00278-015-0024-9
  3. Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. (o.J.): Kommunikationstechniken im Umgang mit psychisch kranken Angehörigen, online verfügbar unter https://www.bapk.de/angebote/rat-fuer-familien/kommunikation.html

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