Zurück 09 Dec 2022 · 6 min lesezeit
von Hanna Eggebrecht

Zunächst erscheinen einem die Symptome von ADHS und Depression sehr gegensätzlich. Viele wissen jedoch nicht, dass sich ADHS bzw. ADS im Erwachsenenalter anders zeigen kann als bei Kindern und Jugendlichen. Wie die Erkrankung mit einer Depression zusammenhängen kann, erfährst du in diesem Text.
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ADHS und ADS: Was bedeutet die Diagnose?

AD(H)S steht für Aufmerksamkeitsdefizit (Hyperaktivitäts) Störung. Eine Hyperaktivität kann vorkommen, muss sie aber nicht, weshalb man auch von ADS sprechen kann.

Bisher wurde AD(H)S als sogenannte “hyperkinetische Störung” (hyperkinetisch = erhöhte Bewegung) als Erkrankung, die überwiegend im Kindes- und Jugendalter vorkommt, diagnostiziert (ICD-10). Symptome einer solchen Störung bei Kindern bzw. Jugendlichen können sein:

  • beginnt früh, oft im Alter von 1-5 Jahren
  • mangelnde Ausdauer bei Beschäftigungen, die kognitiven Einsatz benötigen (= Aufmerksamkeitsdefizit)
  • oft wechseln von Tätigkeiten ohne Fertigstellen der vorigen
  • desorganisierte, mangelhaft regulierte und überschießende Aktivität.

In der neuen Auflage des ICD (ICD-11) wird bei der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung zwischen 3 Formen unterschieden: 

  1. vorwiegend unaufmerksam
  2. vorwiegend hyperaktiv-impulsiv
  3. beide kombiniert.

Folgende Kriterien für die Diagnose von AD(H)S werden genannt:

  • mind. 6 Monate dauernde Unaufmerksamkeit und/ oder Hyperaktivität bzw. Impulsivität
  • Ausmaß der Unaufmerksamkeit bzw. Hyperaktivität weicht von der Alters- und Intelligenznorm ab und führt zu schulischen, beruflichen, privaten Problemen.

ADHS: Begriffe

Unaufmerksamkeit bedeutet, dass es den Betroffenen sehr schwer fällt, ihre Aufmerksamkeit auf eine Aufgabe zu fokussieren und sie dort länger zu halten, ohne sich ablenken zu lassen. 

Hyperaktivität bedeutet bei AD(H)S, dass es schwerfällt, sich still und ruhig zu verhalten und man ständig in Bewegung (motorische Unruhe) ist. 

Impulsivität bedeutet, dass auf unmittelbar auftretende Reize sofort reagiert wird, ohne zu überlegen, also ein Mangel an Selbstkontrolle bzw. Beherrschung vorliegt.

ADHS und Depression: Zusammenhang 

ADHS und Depression können gleichzeitig auftreten oder sich nacheinander entwickeln. Um zu verstehen, wie sich eine Depression entwickelt, wenn man bereits eine ADHS hat, können folgenden Anhaltspunkte hilfreich sein:

  • Man bemüht sich seine “überschüssige” Energie zu deckeln 
  • Man versucht sich möglichst ruhig und angepasst zu verhalten
  • Von außen wird einem evtl. der Eindruck vermittelt, dass man anstrengend oder “zu viel” sei

Das kann dazu führen, dass 

  • man sich erschöpft und antriebslos oder auch
  • reizüberflutet, überfordert fühlt,
  • man das Gefühl hat, im Chaos zu versinken oder
  • seine Energie und Ideen nicht richtig einsetzen zu können; außerdem
  • Minderwertigkeitsgefühle und/ oder Unsicherheiten entwickelt werden.
“Ihre eigentliche Kompetenz und Fähigkeit können sie nicht ausleben, weil erst einmal die „Niederungen des Alltags“ bewältigt werden wollen – was ihnen nicht gelingt. Die Betroffenen erleben diese Entwertung, Ablehnung und Überforderung als Dauerstress.” – ADHS Ratgeber

Bestimmte alltägliche und vernehmlich “leichte” Aufgaben stellen bereits eine Hürde dar und Betroffene können dies als Gefühl der Unzulänglichkeit und Überforderung erleben. Problematisch ist, dass es betroffenen Personen in solchen Situationen an genau der Fähigkeit fehlt, die zur Bewältigung dieser Abwärtsspirale notwendig wäre: sich zu fokussieren und die Gedanken und Aufgaben strukturiert zu ordnen bzw. abarbeiten zu können. 

ADHS: Depression als Spirale verstehen

Einfach ausgedrückt kann man sich vorstellen, dass sich das “zu viel” an Energie der Betroffenen von ADHS gegen sie statt nach außen richtet und somit zerstörerisch und hemmend wirken kann.

Daraus können sich dysfunktionale kognitive Schemata und/ oder Bewältigungsstrategien entwickeln, die die Entwicklung einer Depression begünstigen. Anzeichen bzw. Kriterien einer Depression sind:

  • Gedrückte Stimmung: Man fühlt sich niedergeschlagen, bedrückt oder verzweifelt. Gleichzeitig kann das Gefühl innerer Leere aufkommen. 
  • Interessen- und Freudlosigkeit: Die eigenen Hobbys, Freude oder der Beruf/ das Studium/ die Schule interessieren einen nicht mehr. Nichts scheint Freude zu bringen oder einen anzutreiben. 
  • Schnelle Ermüdbarkeit und Antriebsstörung: Depression bedeutet auch, dass es schwerfällt, sich zu alltäglichen Dingen aufzuraffen. Der Weg zur Arbeit erscheint einem wie ein Marathon, das Putzen der eigenen Wohnung ist zu anstrengend oder Einkaufen stellt eine Hürde dar. 

Ritalin in der Therapie

Zur Behandlung von AD(H)S wird in zwei Obergruppen von Medikamenten unterschieden:

  1. Psychostimulanzien (Methylphenidat, Amphetaminpräparate)
  2. Nichtpsychostimulanzien (Atomoxetin, Guanfacin)

Zur ersten Medikamentengruppe zählt auch das sogenannte Ritalin, also Methylphenidat. Man spricht bei dieser Gruppe auch von “Neuroenhancement Drugs”, da man durch sie versucht, die kognitive Leistung zu verbessern oder zu verlängern. Methylphenidat kommt im Handel unter den Namen Ritalin, Concerta, Medikinet ret. oder Equasym ret. vor. Jedes Präparat wirkt unterschiedlich lange. Nebenwirkungen und Probleme, die Methylphenidat mit sich bringen kann, sind

  • ein Abhängigkeitspotenzial
  • weniger Appetit
  • Kopfschmerzen
  • Mundtrockenheit
  • Schlafstörungen
  • Gefahr des Missbrauchs oder der Weitergabe an Dritte
  • erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen bzw. Schlaganfälle
  • ggf. Wachstumshemmung im Kindes- und Jugendalter.

Bei Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S sollten nicht allein Medikamente gegeben werden, sondern eine Kombination mit sozialem Kompetenztraining, Selbstinstruktionstraining bzw. Psychotherapie erfolgen. 

Antidepressiva bei ADHS

Die aktuelle Forschung zeigt, dass die Behandlung der Hauptsymptome von AD(H)S am wirkungsvollsten mit Medikamenten ist. Zusätzlich bzw. begleitend auftretende Symptome wie Depressivität, Ängstlichkeit oder Selbstwertprobleme werden effektiver mit Psychotherapie behandelt. Medikamente kategorisiert man nach ihrer Empfehlung bei Erwachsenen mit AD(H)S:

  1. Wahl: Methylphenidat
  2. Wahl: Atomoxetin
  3. Wahl: Antidepressiva

Antidepressiva können also zur Behandlung von AD(H)S herangezogen werden, vor allem wenn eine Depression ebenfalls vorliegt. Eine genaue Abklärung ist allerdings notwendig und die medikamentöse Einnahme muss stets überwacht und ggf. neu eingestellt werden.

Aufmerksamkeitsdefizit: Erwachsene vs. Kinder

Eine hyperkinetische Störung tritt typischerweise vor dem 12. Lebensjahr auf bzw. wird sie dann entdeckt, da es infolgedessen zu Konflikten und Problemen in der Schule oder im Freundeskreis kommt. Allerdings weiß man mittlerweile, dass ADHS auch später klinisch auffällig werden kann, also man erst im Erwachsenenalter die Krankheit entdeckt. Es ist wichtig zu verstehen, dass es nicht “eine” typische ADHS Form gibt, sondern die Ausprägung von Hyperaktivität, Impulsivität und Aufmerksamkeitsdefizit bei jeder Person sehr unterschiedlich ist. Zudem kann sich die Konstellation verändern.

Doppeldiagnosen in der Psychotherapie

ADHS oder Depression: Obwohl die Krankheiten sehr gegensätzlich erscheinen, können sie zusammen auftreten. Wenn mehr als eine Krankheit diagnostiziert wird, spricht man von Komorbidität. Das heißt übersetzt, dass mehrere Krankheiten nebeneinander (gleichzeitig) existieren. Treten Depression und ADHS zusammen auf, könnte man das auch als Doppeldiagnose oder komorbide Erkrankung bezeichnen.

In der Psychotherapie werden alle Symptome bzw. Diagnosen behandelt. Meist stellt man eine Hierarchie auf, also überlegt sich, welches Problem am belastendsten ist und fängt damit an.

Auch die kostenlosen und auf Rezept verfügbaren Kurse von Selfapy können gleichzeitig absolviert werden. Hast du zum Beispiel eine Depression und eine generalisierte Angststörung, kannst du dir beide Kurse gleichzeitig verschreiben lassen. Mehr dazu erfährst du hier. 

Alternative Heilverfahren

In einer Befragung aus dem Jahr 2005 gaben 75 australische Familien an, dass sie zusätzlich zur Behandlung ihrer Kinder mit ADHS alternative oder komplementäre Heilmittel nutzten. Dazu zählten:

  • Nahrungsergänzungsmittel
  • veränderte Ernährungsweise 
  • Vitamine und Mineralien
  • Aromatherapie
  • Chiropraktik.

Für die Nutzung alternativer Heilverfahren sprachen verschiedene Faktoren wie

  • geringere bis keine Nebenwirkungen als bei herkömmlichen Medikamenten
  • leichte Verringerung der Problematik bzw. Symptome
  • wirksame Ergänzung zur konventionellen Therapie.

Aromatherapie als schützender Begleiter

Das bewusstseinsverändernde und stark wirksame Methylphenidat (= Ritalin) ist vielen Menschen ein Begriff, wenn es um die Therapie von ADHS geht. Komorbide Erkrankungen von AD(H)S wie Depression oder Angststörungen lassen sich in einer Psychotherapie sehr wirksam behandeln.

Vor allem bei Depression und Angststörungen ist ebenfalls die Wirksamkeit ätherischer Öle nachgewiesen. In Studien konnte gezeigt werden, dass Massagen, Raumbeduftung und andere aromatherapeutische Anwendungen messbare positive Effekte erzielen können.

Ein Artikel von

Hanna Eggebrecht Redakteurin · B.Sc. Psychologie | M.Sc. Psychotherapie

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Quellenangaben

  1. Foto von Tara Winstead: https://www.pexels.com/de-de/foto/das-bewusstsein-aufmerksamkeit-illustration-stigma-8378740/
  2. Foto von Tree of Life Seeds: https://www.pexels.com/de-de/foto/foto-der-person-die-flasche-halt-3577290/ 
  3. Sinha, D. and Efron, D. (2005), Complementary and alternative medicine use in children with attention deficit hyperactivity disorder. Journal of Paediatrics and Child Health, 41: 23-26. https://doi.org/10.1111/j.1440-1754.2005.00530.x
  4. E. Zimmermann: Aromatherapie für sie. Duftpflaster und Seelentröster: Aroma- Rezepte zum Entspannen und Anregen. Trias Verlag 2021, 4. Auflage
  5. Moghadam, Z. E., Delmoradi, F., Aemmi, S. Z., Vaghee, S., & Vashani, H. B. (2022). Effectiveness of aromatherapy with inhaled lavender essential oil and breathing exercises on ECT-related anxiety in depressed patients. Explore (New York, N.Y.), 18(6), 683–687. https://doi.org/10.1016/j.explore.2021.12.006
  6. Xiong, M., Li, Y., Tang, P., Zhang, Y., Cao, M., Ni, J., & Xing, M. (2018). Effectiveness of Aromatherapy Massage and Inhalation on Symptoms of Depression in Chinese Community-Dwelling Older Adults. Journal of alternative and complementary medicine (New York, N.Y.), 24(7), 717–724. https://doi.org/10.1089/acm.2017.0320
  7. https://www.icd-code.de/icd/code/F90.-.html
  8. https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/uebersetzung/_node.html;jsessionid=260DCA0D279E4301AD762C2D070FF067.intranet232
  9. https://www.adhs-ratgeber.com/www/Depression_ADHS_Patienteninformation.pdf

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