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Toxische Beziehungen erkennen und loslassen

02 Jun 2021 · 6 min lesezeit
von Felicitas Eva Lindner

Toxische Menschen, toxische Beziehung, toxic positivity. Der Begriff “toxisch” ist in aller Munde, kaum etwas führt an ihm vorbei. Doch was genau bedeutet der Begriff eigentlich? Es handelt sich bei dem Wort “toxisch” nicht um einen psychologischen Fachbegriff. Seine Verwendung ist daher mit Vorsicht zu genießen, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass er derzeit einen wahren Hype erlebt. Zusammengefasst umschreibt der Begriff Verhalten - eigenes oder das von anderen - , das nicht gut tut, psychisch oder körperlich schadet. Das kann beispielsweise aus dem Unterdrücken von Gefühlen oder Überschreiten von Grenzen heraus entstehen. 

Woran erkennt man eine toxische Beziehung?

Auch in Bezug auf Partnerschaften wird das Wort toxisch immer häufiger genutzt. Und tatsächlich, Beziehungen können, vielleicht sogar langsam, schleichend, zu toxischen werden. Also giftig und belastend. Der Beginn einer “toxischen” Beziehung ist oft genauso schön wie der jeder anderen Beziehung. Man hat Schmetterlinge im Bauch, fühlt sich wohl mit der anderen Person, möchte so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen. Man fühlt sich geliebt, besonders und genießt die Aufmerksamkeit. In einer “toxischen” Beziehung entsteht nach einer Weile aber meist ein Ungleichgewicht zwischen den Partner*innen. Die Bedürfnisse der Person, die in der Beziehung dominanter ist, werden über die der anderen Person gestellt. Alle Beziehungen haben ganz unterschiedliche Muster an Nähe und Distanz, je nachdem, wie die Bedürfnisse der jeweiligen Partner*innen sind. In einer “toxischen” Beziehung sind aber nur noch die Bedürfnisse einer Person wichtig. Die Bedürfnisse der anderen Person gehen in einer solchen Partnerschaft komplett unter und auch ein ausgewogenes Verhältnis von Nähe und Distanz kann kaum noch eingehalten werden.

Es kann auch vorkommen, dass die dominante Person in einer “toxischen” Beziehung eine Tendenz zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung hat. Das Gefühl vom Anfang der Beziehung kann daher so nicht gehalten werden, der dominante Part gibt und nimmt es wieder und der andere Part versucht alles, um es der anderen Person recht zu machen. Zudem fühlen sich Menschen, die sich nicht sehr gut spüren, oft zu sehr empathischen Menschen hingezogen. Auch so kann schnell Ungleichgewicht in der Partnerschaft entstehen, denn hochempathische Menschen nehmen schnell Schuld auf sich, auch für Dinge, an denen sie gar keine Schuld haben.

Es entsteht ein ungesundes Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen zweier Menschen in einer Beziehung. Es kann sich zu einem regelrechten Schwanken zwischen zwei Extremen, zwischen kompletter Katastrophe und riesigem Glück entwickeln. Kleinigkeiten können riesige Streits, im schlimmsten Fall sogar das Anzweifeln der gesamten Beziehung auslösen. Dadurch, dass die Bedürfnisse einer Person stets im Vordergrund stehen und die andere Person sich nach ihnen richtet, werden der Person, die versucht Erwartungen zu erfüllen, jegliche Gefühle abgesprochen oder sogar negiert. Ein Merkmal von “toxischen” Beziehungen ist aber, dass beide Beziehungspartner*innen ein Gefühl der Alternativlosigkeit spüren, dass sie das Gefühl haben, mit sonst niemandem zusammen sein zu können oder zu wollen, keine andere Beziehung führen zu können. So entsteht eine enorme Form der Abhängigkeit, aus der man sich kaum lösen kann. Trotz des oft kaum aushaltbaren Stresslevels, das diese Art der Beziehung mit sich bringt. Partner*innen werden nach außen hin sogar oftmals verteidigt, auch vor sich selbst.

Das ständige Stresserleben in der Beziehung kann sich nicht nur aus die psychische Gesundheit, sondern langfristig auch auf das körperliche Wohlbefinden auswirken. Daher ist es wichtig, die Dynamik hinter einer “toxischen” Beziehung zu erkennen, um sich aus ihr lösen zu können.

Wie entstehen toxische Beziehungen?

Toxische Beziehungen können aus den unterschiedlichsten Gründen entstehen. Meist entstehen sie aus einer Dynamik zwischen einer sehr empathischen und einer narzisstischen Person. Bei den sehr empathischen Beziehungspartner*innen handelt es sich oft um Personen, die in ihrer Kindheit emotionalen Mangel erfahren und daher nur einen schlechten Selbstwert entwickeln können. Sie nehmen oft den weniger beachteten Part in der Beziehung ein. Auch Personen, die vielleicht gerade in einer Krise stecken, sich alleine fühlen oder einfach Angst vor dem Alleinsein haben. Diese Personen sind in der Beziehung schließlich eher die, die sich nach der anderen Person richten, ihren Bedürfnissen gerecht werden wollen. Die Person, die eher narzisstische Tendenzen hat, neigt dann dazu, sich, ihre Bedürfnisse und ihr Wohlergehen über das der anderen Person zu stellen. Die Bedürfnisse der anderen Person rücken in der Partnerschaft nach und nach in den Hintergrund und können irgendwann ganz verschwinden.

Man kann im Zusammenhang mit toxischen Beziehungen nicht von Schuld sprechen. Niemand ist schuld daran, in einer solchen Beziehung zu landen. Was man aber tun kann, ist die eigenen Anteile daran zu reflektieren und sich folgende Fragen zu stellen:

  • Erkenn ich ein Muster in meinen Beziehungen?
  • Aus welchen Gründen binde ich mich an jemanden und entscheide mich für eine Beziehung?
  • Wie bewerte ich Dinge in meiner Beziehung?

In toxischen Beziehungen wird oftmals Leid oder Leidenschaft, die durch die ständigen Aufs und Abs entsteht, oftmals mit Liebe verwechselt. Wenn man sich dabei beobachtet, immer wieder in toxische Beziehungen zu geraten, kann es sein, dass bestimmte emotionale Wunden noch nicht geheilt sind.

Wie kann man sich aus einer toxischen Beziehung lösen?

Sich schlussendlich aus einer toxischen Beziehung zu lösen ist für viele Menschen eine enorme Herausforderung. Das Gefühl der Abhängigkeit, des Gefühls, nicht ohne einander leben zu können, überwiegt oft. Der erste Schritt hier ist, sich zu fragen, was man in der Beziehung sucht und ob man das auch bekommt. Es ist wichtig, sich die eigenen Bedürfnisse bewusst zu machen, bevor man sich um die der anderen Person kümmert. Beide Beziehungspartner*innen sollten die Möglichkeit haben, ihre Gefühle und Wünsche zu kommunizieren, einander zuzuhören und die Wünsche auch miteinander zu verhandeln. Dazu gehört es auch, Grenzen zu setzen, mal nein zu sagen. Wird die*der Partner*in dann aufbrausend, ist es wichtig, nicht in die Defensive zu geraten, sondern ruhig zu bleiben und klar zu kommunizieren. Hat man das Gefühl, die*der Partner*in ist nicht genug für einen da, so kann man gezielt lernen, sich selbst zu beruhigen und für sich da zu sein. Oft ist nach dieser Phase der Reflexion und Erkenntnis der finale Schritt die Trennung, aber es ist auch nicht immer so einfach. Denn toxische Beziehungen zu beenden kann schwerer sein, als andere Beziehungen zu beenden, Rationalität spielt kaum mehr eine Rolle. Je mehr man fühlt, desto schwieriger ist es, sich aus einer Beziehung zu lösen. Durch das ständige Wechselspiel zwischen den Extremen, lösen toxische Beziehungen oft sehr intensive Emotionen aus. Sowohl gute, als auch schlechte. Zudem bindet Schmerz, da er das Gefühl erzeugt, schon sehr viel in eine Beziehung investiert zu haben.

Was ist schwierig an dem Begriff “toxisch”?

Auch wenn es zweifelsohne Beziehungen, Menschen oder Verhaltensweisen gibt, die einem nicht gut tun oder gar schaden, so ist die Verwendung des Begriffes “toxisch” dennoch mit Vorsicht zu genießen. Denn “toxisch” ist kein medizinischer oder gar wissenschaftlicher Fachbegriff. Vielmehr handelt es sich hierbei um ein Wort, das sich in den letzten Jahren zu einem Trendwort entwickelt hat. Die genaue Bedeutung bleibt dabei jedoch häufig ungeklärt und schwammig.

Auch kritisch an dem Begriff ist, dass er keine Abstufungen zulässt. Etwas oder jemanden also als toxisch zu bezeichnen, ist sehr generalisierend und absolut, was jedoch nicht immer so zutrifft.

Auch wenn klar ist, was der Begriff meint, ist an seiner Verwendung schnell zu erkennen, wie Stigmatisierung entsteht. Manchmal wird der Ausdruck vielleicht zu voreilig verwendet und führt dazu, dass Situationen, Dinge oder Menschen nicht differenziert betrachtet und schnell kategorisiert werden.

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Ein Artikel von

Felicitas Eva Lindner Redakteurin · Journalismus (M.A.), Psychologie (B.Sc.)

Quellenangaben

  1. Hirt, Svenja Maria (2020). Toxische Beziehung erkennen: loslassen, beenden oder weiterkämpfen? Online verfügbar unter https://www.swr3.de/aktuell/beziehungsshow/toxische-beziehung-erkennen-loslassen-beenden-oder-weiterkmpfen-100.html  [27.05.21].
  2. Hoppe, Nico (2021). Menschen gelten heute als wandelnde Giftschleudern - was das Modewort “toxisch” über unsere Gesellschaft aussagt. Online verfügbar unter https://www.nzz.ch/feuilleton/toxisch-das-wort-zeugt-vom-wunsch-nach-einer-eindeutigen-welt-ld.1614203 [27.05.21].
  3. Ott, Clara (2020). Beide wissen nicht, wie eine gute Bindung funktioniert. Sie haben es nie erfahren. Online verfügbar unter https://baerbel-wardetzki.de/wp-content/uploads/2020/10/Toxische-Beziehungen-Welt.de_.pdf  [01.06.21].
  4. Reiche, Suria (2021). Was toxische Beziehungen bedeuten. Online verfügbar unter https://www.apotheken-umschau.de/weitere-themen/was-toxische-beziehungen-bedeuten-762583.html [27.05.21].
  5. SWR1 (2021). Schmerzhafte Liebe: Wie erkennt an eine toxische Beziehung? Online verfügbar unter https://www.swr.de/swr1/rp/toxische-beziehungen-100.html  [27.05.21].
  6. Senftleben, Ralf (2020). Wie du mit toxischen Menschen entspannt umgehst. Online verfügbar unter https://zeitzuleben.de/toxische-menschen/ [27.05.21].

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