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Essstörungen

Binge-Eating-Störung: Was ist das?

26 Jul 2020 · 4 min lesezeit

Keine Kontrolle übers Essen

Unter der Binge-Eating-Störung ist ein Verlangen nach übermäßig viel Essen zu verstehen, welches durch wiederholte, unkontrollierte Essanfälle ausgelebt wird. Meist nehmen Betroffene in kürzester Zeit unverhältnismäßig große Mengen an Lebensmitteln zu sich. Demnach auch die entsprechende englische Begriffsbestimmung „binge“(= Gelage). Das Störungsbild gehört im Klassifikationssystem ICD-10 zu den „nicht näher bezeichneten Essstörungen“. Im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-5 bildet sie eine eigene Diagnose. Die Binge-Eating-Störung tritt meist im Alter zwischen 20 und 30 oder zwischen 45 und 50 auf. Zudem sind rund zwei Drittel der Erkrankten Frauen.

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Was kennzeichnet die Binge-Eating-Störung?

Um eine korrekte Diagnose stellen zu können, müssen die folgenden Symptome über einen Mindestzeitraum von drei Monaten mindestens einmal die Woche auftreten: Es wird deutlich zu schnell und vor allem über das Hungergefühl hinaus gegessen. Zudem werden trotz des Nichtvorhandenseins eines körperlichen Hungergefühls große Nahrungsmengen konsumiert. Ist dies mit einem Schamgefühl verbunden, der zum heimlichen Verzehr der Nahrungsmittel, sowie Selbstekel und Schuldgefühlen führt, ist von einer Binge-Eating-Störung auszugehen.

Aufgrund der Essanfälle entsteht ein starker Leidensdruck bei den Betroffenen. Jedoch kommt es nicht zu Maßnahmen wie beispielsweise Fasten, Missbrauch von Abführmitteln oder selbst herbeigeführtem Erbrechen, welches ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zur Bulimie (Ess-Brech-Sucht) ist.

Die wiederholten Essanfälle führen bei Betroffenen dazu, dass sie ihr Hungergefühl verlieren. Dadurch kommt der Essrhythmus durcheinander, was eine Unregelmäßigkeit der Mahlzeiten mit sich bringt. Betroffene greifen meist zu sehr zuckerhaltigem, sowie hochkalorisch- und fettigen Lebensmitteln, was unter anderem zu einer starken Gewichtszunahme führen kann. Menschen mit einer Binge-Eating-Störung denken viel über ihr Gewicht nach und sind dadurch von einer permanenten Unzufriedenheit geplagt. Es werden Diäten begonnen, jedoch nach kurzer Zeit wieder abgebrochen. Da der Verzicht auf Kohlenhydrate zu erhöhter Stressanfälligkeit und Heißhunger führt, werden die Essanfälle dadurch noch begünstigt.

Essen stellt für die meisten Menschen mit Binge-Eating-Störung eine Bewältigungsstrategie dar, um mit negativen Gefühlen wie Wut, Trauer oder Angst zurechtzukommen. Zudem beschreiben Betroffene immer wieder eine emotionale Leere die sie empfinden und versuchen mit dem Essen zu „füllen“. Während eines Essanfalls kommt es zu einer Linderung der Spannungsgefühle. Den Patienten fehlt es an einer normalen Emotionsregulation. Aufgrund der Schwierigkeiten damit, Emotionen wahrzunehmen oder zu zeigen, neigen Personen mit einer Binge-Eating-Störung dazu sich zu isolieren.

Welche Ursachen hat das Störungsbild?

Wie bei allen Essstörungen gibt es meist mehrere Ursachen, welche sehr individuell und vielfältig sind. Mobbing oder übermäßige Verantwortung sowie starker Leistungsdruck können Ursachen für die Essstörung sein. Viele Betroffene berichten über Missbrauchserfahrungen sowie den Verlust einer wichtigen Bezugsperson. Personen, die unter dem Störungsbild leiden, neigen oftmals zu impulsiven Verhaltensweisen und haben nicht nur ein geringes Selbstwertempfinden, sondern meist auch ein geringes Selbstwertgefühl. Zudem sind viele Betroffene perfektionistisch veranlagt und haben hohe Ansprüche an sich selbst. Dadurch sind sie in einer gewissen Weise abhängig von der Anerkennung anderer.

Übergewicht in der Kindheit kann die Entstehung einer Binge-Eating-Störung begünstigen. Gesundes Ess- und Bewegungsverhalten fehlt den Betroffenen meist, da dieses nicht durch die Eltern vermittelt wurde. Zudem spielen folgende Faktoren der vorherrschenden familiären Strukturen eine wesentlich begünstigende Rolle: Neben psychischer Erkrankung der Eltern können falsche Reglementierungen der zu verzehrenden Nahrungsmengen dazu führen, dass das Kind kein Hunger- und Sättigungsgefühl entwickeln kann, da die Eltern entscheiden wann und wieviel es zu Essen gibt.

Wie bei allen Essstörungen ist ein einflussnehmender Aspekt die soziokulturelle Ebene: Einerseits stehen Personen, die unter der Binge-Eating-Störung leiden, aufgrund des vorherrschenden Schönheitsideals unter Druck, andererseits begünstigt das immense Überangebot an Nahrung in den westlichen Industrieländern die Entstehung des Störungsbildes.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Zur Therapie der Binge-Eating-Störung ist neben der kognitiven Verhaltenstherapie das interpersonelle Therapieverfahren hilfreich und vielversprechend. Schwerpunkt der Therapie ist das Erlernen eines gesunden Essverhaltens sowie das Erarbeiten eines positiven Selbstbildes. Zur Vermeidung von Essanfällen gibt es erprobte Strategien, um besser mit Stress umgehen zu können. Eine Bewegungs- und Ernährungsberatung kann zusätzlich empfohlen werden.

Die rein medikamentöse Therapie mit Serotoninwiederaufnahmehemmern (Antidepressiva) ist nur bedingt hilfreich: Die Medikamente mögen zwar die Essanfälle reduzieren, jedoch kommt es beim Absetzen oft zu Rückfällen, da die*der Patient*in nicht an den eigentlichen Ursachen wie der gestörten Emotionsregulation gearbeitet hat. Psychotherapeutische Verfahren – sowohl ambulant als auch stationär – sind zur Therapie der Binge-Eating-Störung zu bevorzugen.

Quellenangaben

  1. Bundesfachverband Essstörungen e.V. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ANAD e.V. Ess-stoerungen.net Hungrig-Online e.V.
  2. Tuschen-Caffier, B. Hilbert. A. (2016). Binge-Eating-Störung. hogrefe.
  3. Becker, S., Zipfel, S. (2010). Binge-Eating und Binge-Eating-Störung. In: Reich, G., Cierpka, M. Psychotherapie der Essstörungen: Krankheitsmodelle und Therapiepraxis - störungsspezifisch und schulenübergreifend. 3. Aufl. S. 62-71. George Thieme.
  4. Hilbert, A., Herpertz, S., Kersting, A., Pietrowsky, R., Tuschen-Caffier, B., Vocks, S. (2019). Binge-Eating-Störung. In: Herpertz, S., Fichter, M., Herpertz-Dahlmann, B., Hilbert, A., Tuschen-Caffier, B., Vocks, S., Zeeck, A. (Hrsg.). S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen. 2. Aufl. S. 275-302. Springer.

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