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Angst und Panik

Angst und Panik: Ursachen, Symptome und Therapie

26 Jan 2018 · 8 min lesezeit
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Das Gefühl von Angst kennt jede*r. Es ist normal, dass du dich in bestimmten Situationen fürchtest. Ein wenig Angst und Nervosität können in bestimmten Momenten, zum Beispiel vor einem bedeutsamen Ereignis oder einem Vortrag, dafür sorgen, dass du dich besonders gut vorbereitest. Angst ist eine wichtige Leistung deines Körpers, um sich an deine Umwelt und ihre Anforderungen anzupassen.

Übertriebene Angst- oder Panikattacken hingegen schränken das alltägliche Leben ein. Unangemessene Angstzustände, die über einen längeren Zeitraum andauern, können auf eine krankhafte Angststörung hindeuten. Um die Angsterkrankung zu überwinden und die Psyche wieder in Balance zu bringen, ist professionelle Hilfe notwendig.

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Die Formen der Angststörung

Die Angststörungen lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: Die Angst vor einem bestimmten Objekt oder einer Situation bilden eine Gruppe, Angstattacken ohne einen konkreten Auslöser die zweite. In diese zweite Gruppe fällt auch die Generalisierte Angststörung.

Angst vor einem Objekt oder einer Situation

In dieser Gruppe von Angststörungen finden sich verschiedenen Phobien: Die Agoraphobie (auch Platzangst genannt), die Soziale Phobie und die Spezifischen Phobien bilden die häufigsten Ausprägungen. Im Diagnosehandbuch der WHO, dem ICD-10, wird die Agoraphobie als Furcht vor oder Vermeidung von Menschenmengen, öffentlichen Plätzen, Reisen allein oder Reisen von Zuhause weg beschrieben. Sie kann sich als Resultat von Panikattacken (siehe unten) entwickeln. Die Furcht vor oder Vermeidung von sozialen Situationen, bei denen die Gefahr besteht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, und die Furcht, sich peinlich oder beschämend zu verhalten, nennt man Soziale Phobie. Die Liste der Spezifischen Phobien ist schier unendlich. Hier finden sich die Tierphobien (z.B. Arachnophobie: die Angst vor Spinnen), Situative Phobien (z.B. Flugangst oder Höhenangst), Natur-Phobien (z.B. Angst vor Gewitter oder Wasser) und Angst vor Blut, Verletzungen und Spritzen.

Kennzeichnend für diese Angststörung ist, dass Betroffene versuchen, die Auslöser ihrer Phobie weitestgehend zu vermeiden, da sie nur unter heftigen körperlichen Reaktionen und extremer Angst zu ertragen sind. Der Gedanke an den Auslöser und die Erwartung der Angst können zu einer starken Beeinträchtigung des Alltags führen. Die Angst vor der Angst hält die Angststörung aufrecht.

Panikstörung

In der zweiten Gruppe finden sich die Panikstörungen und die Generalisierte Angststörung (GAS). Kennzeichnend für Panikstörungen sind immer wieder auftretende Panikattacken. Die Panikattacken scheinen meist ohne ersichtlichen Grund auszubrechen. Betroffene berichten zum Beispiel nachts Panikattacken zu bekommen. Körperliche Symptome wie Herzrasen, Schweißausbrüche und Atemnot begleiten die Angstattacke in vielen Fällen. Die Angst zu sterben ist zudem keine Seltenheit. Panikattacken können situations- oder ortsgebunden sein, d.h. sie treten vornehmlich in einer bestimmten Situation oder an einem bestimmten Ort (z.B. beim Autofahren) auf, ohne dass eine Angst vor dieser oder diesem besteht.

Körperliche Symptome einer Panikattacke:

  • Herzrasen
  • Schweißausbrüche
  • Hyperventilation
  • Zittern
  • Atemnot
  • Schwindel
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Depersonalisationsgefühle (das Gefühl, neben sich zu stehen)
  • Derealisationsgefühle (das Gefühl, die Umgebung wirke fremd, unreal)

Generalisierte Angststörung (GAS)

Wird der Alltag von ständigen Sorgen bestimmt, liegt dem eventuell eine Generalisierte Angststörung (GAS) zugrunde. Betroffene leiden unter einer diffusen Angst, die sich auf sie selbst oder ihnen nahestehende Personen beziehen kann. Häufig kreisen die Gedanken um gesundheitliche und finanzielle Gefahren oder Bedrohungen, aber auch um Themen des alltäglichen Lebens. Oftmals kann die Angst nicht konkret an etwas festgemacht werden und die Sorgen wirken bei dieser Form der Angststörung daher unkontrollierbar. Typisch für die Generalisierte Angststörung sind zudem die sogenannten Metasorgen: Betroffene sorgen sich über ihre Sorgen, z.B. dass sie zu häufig auftreten oder ihnen schaden könnten.

Körperliche Symptome der Generalisierten Angststörung können Ruhelosigkeit, leichte Ermüdbarkeit, Probleme mit der Konzentration, erhöhte Reizbarkeit, Muskelverspannungen und Schlafstörungen sein. Auch Herzrasen, Schwindel oder Magenbeschwerden können auftreten. Damit die Diagnose Generalisierte Angststörung gestellt werden kann, müssen mindestens drei der psychischen oder körperlichen Symptome über einen Zeitraum von sechs Monaten in dem Maß auftreten, dass sie die Lebensqualität bedeutsam einschränken.

Aufgrund der zahlreichen körperlichen Symptome, zählen die Angststörungen im internationalen Klassifikationssystem ICD-10 zur Kategorie der Neurotischen-, Belastungs- und Somatoformen Störungen.

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Kreislauf des Angsterlebens

Diagnose einer Angststörung

Um die Diagnose einer Angststörung stellen zu können, schließen Ärzt*innen zunächst körperliche Ursachen für die Symptome aus. Dies erfolgt unter anderem durch Blutuntersuchungen und EKGs. Kriterien, die für eine Angsterkrankung sprechen, sind:

  • die Angst ist unangemessen in der jeweiligen Situation
  • die Angstreaktionen halten länger als nötig an
  • die Angst ist schwer oder gar nicht beeinflussbar
  • erhebliche Einschränkung des Lebens durch die Angst
  • erhebliche Einschränkung im Kontakt zu Fremden durch die Angst
  • eine somatische Komponente kann die Intensität der Angst nicht vollständig erklären

Für die Diagnose werden spezielle Fragebögen zur Fremdbeurteilung oder Selbstbeurteilung eingesetzt. Vor dem Besuch einer*s Ärzt*in, Psychotherapeut*in, Psychiater*in oder Psycholog*in geben auch kostenlose Selbsttests im Internet erste Auskünfte darüber, ob eventuell eine Angsterkrankung vorliegt.

Zeitverlauf Angstreaktion
Grafik zum typischen Zeitverlauf einer Angstreaktion

Wen treffen Angststörungen?

Neben Depressionen gehören Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Jedes Jahr sind in Deutschland rund zehn Millionen Erwachsene von einer Angsterkrankung betroffen. Frauen trifft es doppelt so häufig wie Männer. Bei einem Drittel der Patient*innen liegt eine sogenannte Komorbidität mit der Depression vor, das heißt die Betroffenen leiden unter Ängsten und sind depressiv. Die Dunkelziffer ist weitaus höher, da vor allem Menschen mit einer Spezifischen Phobie sich relativ selten in Therapie begeben. Im Vergleich zur Panikstörung entwickelt sich die Generalisierte Angststörung oftmals erst im Erwachsenenalter, nicht selten nach dem 40., 50. oder 60. Lebensjahr. Selten tritt die Störung im Kindes- und Jugendalter auf.

Unbehandelte Angststörungen können den Alltag stark einschränken, z.B. weil die Betroffenen sich nicht mehr aus dem Haus trauen und ihre sozialen Kontakte nicht pflegen können. Es besteht die Gefahr der sozialen Isolation.

Welche Ursachen haben Angst- und Panikstörungen?

Selten lässt sich für psychische Störungen wie eine Angststörung eine einzige Ursache ausmachen. Vermutlich führt das Zusammenspiel verschiedener Faktoren dazu, dass die Angststörung sich entwickelt. So spielen auch bei der Entstehung der Generalisierten Angststörung genetische und soziale Faktoren eine Rolle. Dabei gibt es kein „Angst-Gen“. Vielmehr kann eine gewisse biologische Vulnerabilität, also Verletzbarkeit, vererbt werden. Die betroffene Person erlebt und interpretiert Stresssituationen anders und ist anfälliger, Ängste zu entwickeln. In diesem Sinne kann Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal angesehen werden, welches die Entwicklung einer Angststörung begünstigt. Zu den sozialen Faktoren, die die Entstehung einer Angststörung begünstigen können, gehören beispielsweise prägende Erfahrungen in der Kindheit sowie der Erziehungsstil der Eltern. Der Verlust eines Elternteils, Missbrauch und Vernachlässigung zählen zu den stärksten Risikofaktoren. Kindern von ängstlichen Eltern fehlt oftmals die Fähigkeit angemessen auf Bedrohungen zu reagieren. Demnach kann Ängstlichkeit erlernt sein oder als körperliche und psychische Reaktion auftreten.

Auslöser einer Generalisierten Angststörung (GAS)

Ausgelöst wird die Generalisierte Angststörung durch kritische Lebensereignisse, Krisen und Stress. Die Trennung oder Scheidung von Partner*innen, der Tod von Angehörigen oder Arbeitslosigkeit zählen zu den Ereignissen, die die Entstehung der Angststörung begünstigen können. Dieser Zusammenhang wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen. Beachtet werden muss bei der Diagnose einer Generalisierten Angststörung auch die Möglichkeit, dass ihr eine andere Erkrankung zugrunde liegt. Sowohl eine Schilddrüsenunterfunktion als auch die -überfunktion, Schizophrenie (eine von Wahnvorstellungen geprägte Störung) und andere neurologische Erkrankungen können Ängste verursachen. Medikamente wie Antidepressiva, Neuroleptika, Antibiotika und die Pille können als Nebenwirkung eine Angststörung auslösen.

Auslöser einer Panikattacke

Zu den auslösenden Faktoren, die ganz konkret Panikattacken verursachen, gehören akuter und chronischer Stress sowie der Konsum von Alkohol, Nikotin oder Koffein. Als aufrechterhaltender Faktor gilt das Vermeidungsverhalten, welches die meisten Betroffenen entwickeln. Riskante Situationen und Orte werden vermieden oder nur mit Begleitung einer anderen Person aufgesucht. Erfolgserlebnisse, die Situation alleine gemeistert zu haben, sind daher nicht möglich und man spricht hier auch von einer „Angst vor der Angst“. So versuchen Betroffene, das Auftreten von akuten Panikattacken zu vermeiden.

Diese ist der wohl hartnäckigste Faktor, der die Panikstörung und damit einhergehende Panikattacken aufrecht erhält. So kann sich eine Erwartungshaltung im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung entwickeln, denn wer mit der Erwartung durchs Leben geht, dass jeden Moment eine Panikattacke beginnen könnte, wird sich in seiner Angst bestätigt fühlen, wenn es wieder soweit ist.

Therapie von Angst- und Panikstörungen

Zu den Therapiemöglichkeiten zählen verhaltenstherapeutische, tiefenpsychologische oder analytische Therapieverfahren. In der Therapie wird der Auslöser der Angst identifiziert. Eine verhaltenstherapeutische Exposition, das heißt Konfrontation mit dem angstauslösenden Stimulus oder der Situation, erfolgt im geschützten Rahmen der Therapie Schritt für Schritt. Hier hilft eine Angsthierarchie, die die Angstreize nach ihrem Schweregrad anordnet.

Psychotherapie kann auf einem Weg in ein angstfreies Leben durchaus hilfreich sein. Hier gibt es einen Anknüpfungspunkt für die Verhaltenstherapie: Durch kognitive Umstrukturierungen lernen die Betroffenen eine positive Erwartungshaltung anzunehmen und sich mit ihrer Angst vor einer Panikattacke zu konfrontieren. So kann diese Angst Stück für Stück abgelegt werden.

Bei einer schweren Angststörung mit chronischem Verlauf kombinieren Psychiater*innen und Therapeut*innen die Psychotherapie häufig mit einer medikamentösen Therapie. Die Psychopharmaka tragen zur Linderung der Ängste bei und ermöglichen es dem Betroffenen sich besser auf die Therapie zu konzentrieren.

Ängste im Online-Kurs von Selfapy überwinden

Eine weitere Möglichkeit sind Online-Kurse und Selbsthilfe. Zahlreiche Studien der vergangenen Jahre zeigen, dass internetbasierte geleitete Selbsthilfe wirksam in der Behandlung von Angststörungen und Depressionen ist. Der Online-Kurs von Selfapy bei Generalisierter Angststörung und bei Panik sind kostenfrei auf Rezept erhältlich. Vereinbar für mehr Informationen ein kostenloses Infogespräch. 

Quellenangaben

  1. Fritzsche K., Ross U. (2016) Angststörungen. In: Fritzsche K., Geigges W., Richter D., Wirsching M. (eds) Psychosomatische Grundversorgung. 2. Aufl. S. 119-132. Springer.
  2. Morschitzky, H. (2009). Angststörungen: Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. 4. Aufl. Springer.
  3. Margraf, J., Schneider, S. (2009). Lehrbuch der Verhaltenstherapie: Band 2: Störungen im Erwachsenenalter - Spezielle Indikatoren - Glossar. 3. Aufl. Springer.
  4. Hoyer, J., Helbig, S., Margraf, J. (2005). Diagnostik der Angststörungen. Hogrefe.
  5. In-Albon T., Margraf J. (2011) Panik und Agoraphobie. In: Wittchen HU., Hoyer J. (eds) Klinische Psychologie & Psychotherapie. 2. Aufl. S. 915-935. Springer.

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