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Lüge und Selbstbetrug – wie wir andere und uns selbst erfolgreich belügen

03 Sep 2019 · 5 min lesezeit
von Adrian Wangerin

Die Lüge – von Kant im 18. Jahrhundert als „der eigentliche faule Fleck der menschlichen Natur“ bezeichnet – ist sicherlich so alt wie der moderne Mensch selbst. Und machen wir uns nichts vor, lügen gehört zu unserem Alltag und wir lernen es schon vom Kindesalter an. Dieser Artikel zeigt Dir, welche Funktionen die Lüge hat, weshalb wir uns selbst belügen und wie wir es schaffen, ehrlicher zu uns selbst zu sein.

Laut diverser Studien lügen wir bis zu 200 Mal am Tag. In der Psychologie wird davon ausgegangen, dass Lügen die Funktion erfüllen, unsere Privatsphäre und unser Selbstwertgefühl zu schützen und andere nicht zu verletzen. Dennoch gibt es Menschen, die pathologisch dazu neigen, die Unwahrheit zu sagen, allerdings sind diese sehr selten. Meistens lügen wir aus Höflichkeit, Anteilnahme und Anstand und nicht, um anderen zu schaden. Nichtsdestotrotz werden Lügen kulturübergreifend als moralisch verwerflich angesehen.

Wie hängen Lüge und Selbstbetrug zusammen?

Doch was passiert, wenn sich unsere Lügen nicht gegen andere, sondern gegen uns selbst richten? Wenn wir uns selbst anlügen, dann tun wir das immer mit dem Ziel, die Realität zu unserem eigenen Gunsten zu verdrehen, um uns so besser zu fühlen. Wir alle haben ein Selbstbild (Vorstellungen über uns), das vor allem in der Anfangsphase des Lebens vom Fremdbild (Vorstellungen anderer über uns) geprägt wird. Häufig kommt es vor, dass diese beiden Bilder voneinander abweichen. So kann es passieren, dass wir unsere Kompetenzen überschätzen oder uns zum Beispiel für ehrenhafter halten, als wir eigentlich sind. Andersherum machen wir uns manchmal aber auch kleiner als wir sind und überbewerten unsere Schwächen. Oftmals versuchen wir dabei, unser Selbstbild an ein verfälschtes Fremdbild anzupassen. Doch dieser Selbstbetrug kann schwerwiegende Folgen haben.
Unser Selbstbild entscheidet nicht zuletzt über unser Selbstwertgefühl, das positiv und stabil gehalten werden sollte, um psychische Probleme zu vermeiden und eine hohe Lebensqualität zu erreichen. Daher tun wir auch viel dafür, genau dies zu erreichen, indem wir uns z. B. selbst belügen. Allerdings sind wir nicht nur in Bezug auf das Selbstbild unehrlich zu uns. Selbstbetrug tritt in jeder noch so kleinen Alltagssituation und bei vielen Entscheidungen und Urteilen auf, beispielsweise wenn wir Misserfolge auf andere oder die äußeren Umstände schieben oder unsere Neujahrsvorsätze nach kurzer Zeit wieder verwerfen.

Welche Rolle spielt die kognitive Dissonanz beim Selbstbetrug?

Je weiter die Forschung in der Psychologie voranschreitet, desto offensichtlicher wird, dass wir Menschen weder komplett rational handeln, noch es schaffen, uns vollständig von unseren Emotionen und Instinkten zu lösen. Dies wurde seit der Entdeckung von kognitiven Verzerrungen, oder auch Denkfehlern, besonders offenkundig. Diese beschreiben Fehleinschätzungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen und bleiben meist unbewusst. Einer der wichtigsten Denkfehler ist die kognitive Dissonanz.
Kognitive Dissonanz tritt auf, wenn wir zu einem Sachverhalt mehrere unvereinbare Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten in uns wahrnehmen. Dies führt zu einem inneren Spannungszustand. Diesen versuchen wir dann unverzüglich zu lösen, indem wir entweder nach Informationen suchen, die die Spannung verringern, bestehende Informationen löschen (z. B. durch Ignorieren, Verdrängen oder Vergessen) oder diese gar durch eine für uns passendere Sichtweise ersetzen. Zum Beispiel schätzen wir die Chancen zu gewinnen höher ein nachdem wir eine Wette platziert haben oder reagieren auf Ablehnung mit einem Abwerten unseres Gegenübers.

Wie gehen wir mit Niederlagen und Misserfolgen um?

Eine alte griechische Fabel namens „Der Fuchs und die Trauben“ beschreibt dieses Phänomen besonders anschaulich: Ein Fuchs stand unter einem Baum und zeigte sich verächtlich, als er bemerkte, dass er die Trauben nicht erreichen kann. „Der Fuchs biss die Zähne zusammen, rümpfte die Nase und meinte hochmütig: ‚Sie sind mir noch nicht reif genug, ich mag keine sauren Trauben.‘ Mit erhobenem Haupt stolzierte er in den Wald zurück.“

Die Fabel bringt auf den Punkt, wie wir unser Denken bei erlebten Niederlagen anpassen. So können wir vor allem unser Selbstwertgefühl schützen. So gesehen bewahren uns Denkfehler vor dem Abrutschen in negative Denkmuster und beugen somit gleichzeitig psychischen Problemen vor.
Doch nicht immer schützen sie uns. Vor allem bei schlechten Angewohnheiten verleiten sie uns dazu, unser Verhalten trotz vieler Schädlichkeitsbeweise nicht zu verändern, wie beispielsweise beim Rauchen. Mittlerweile ist allgemein bekannt, dass Rauchen schwerste Schäden verursacht und in Deutschland jährlich über 100.000 Menschen frühzeitig daran sterben – und dennoch tun es einige.

Warum tun wir etwas, von dem wir sicher sind, dass es uns schadet?

Der Widerspruch zwischen dem Wissen über die Schädlichkeit des Rauchens und dem Verhalten, es dennoch zu tun, erzeugt bei Rauchern den unangenehmen Spannungszustand. Idealerweise wird die auftretende Spannung reduziert, indem man sein Verhalten ändert und das Rauchen einstellt. Einfacher ist es jedoch für viele, relevante Informationen zu ignorieren, nicht wahrzunehmen und somit den Selbstbetrug zu begehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden dann infrage gestellt oder selektive Informationen aufgesucht, die die Spannung lösen („Helmut Schmidt wurde auch 96 Jahre alt“). Wir alle haben solche Strategien, die unser positives Selbstbild schützen. Zum Beispiel machen viele vor Prüfungen auf ein Handicap aufmerksam („ich habe kaum gelernt“, „ich bin heute nicht gut drauf“), das bei einem möglichen Misserfolg als Ausrede dient. Kritisch wird der Selbstbetrug allerdings, wenn unser körperliches oder auch seelisches Wohlbefinden in Mitleidenschaft gerät.

Selbstreflexion als Hilfe gegen den Selbstbetrug

Selbstreflexion beschreibt die Fähigkeit, das eigene Denken, Fühlen und Handeln zu analysieren und zu hinterfragen. Es ist ein Mittel, um sich selbst besser kennenzulernen, ehrlicher zu sich selbst und weniger anfällig für Realitätsverzerrungen und Selbstbetrug zu sein. Dir selbst Fehler und Niederlagen einzugestehen und Dich nicht als perfekt anzusehen, bildet dafür die Voraussetzung. Wenn Du ehrlich zu Dir selbst und zu anderen bist, wirkt das nicht nur sehr befreiend, es kann auch Deinen Selbstwert deutlich stärken. Werde Dir bewusst, dass niemand in der Welt es allen und jedem immer Recht machen kann – Konflikte und Niederlagen passieren einfach. Damit ehrlich und respektvoll umzugehen, bildet nicht nur die Basis für die Entwicklung Deiner Persönlichkeit und damit für Erfolg, sondern ist auch die Voraussetzung für ein friedliches und respektvolles Miteinander.

Ein Artikel von

Adrian Wangerin Redakteur · Psychologe

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